Das selbstlose Gen

PSYCHOLOGIE:

HBM Oktober 2011

Im Jahr 1976 schrieb der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge Ri­chard Dawkins in sei­nem Buch „The Sel­fish Gene“ (Das egois­ti­sche Gen): „Wenn er [der Leser] - wie ich - eine Ge­sell­schaft auf­bau­en möch­te, in der die Ein­zel­nen groß­zü­gig und selbst­los zu­guns­ten ei­nes ge­mein­sa­men Wohl­er­ge­hens zu­sam­men­ar­bei­ten, kann er we­nig Hil­fe von der bio­lo­gi­schen Na­tur er­war­ten. Lasst uns ver­su­chen, Groß­zü­gig­keit und Selbst­lo­sig­keit zu leh­ren, denn wir sind egois­tisch ge­bo­ren.“
Doch bis zum Jahr 2006 hat­te sich das Blatt ge­wen­det. Jetzt ver­kün­de­te Mar­tin No­wak, ma­the­ma­ti­scher Bio­lo­ge an der Har­vard Uni­ver­si­ty, in ei­ner Über­sichts­ar­beit über die Evo­lu­ti­on der Ko­ope­ra­ti­on im Ma­ga­zin „Science“: „Der ver­mut­lich be­mer­kens­wer­tes­te Aspekt der Evo­lu­ti­on ist ihre Fä­hig­keit, in ei­ner kon­kur­ren­z­ori­en­tier­ten Welt Ko­ope­ra­ti­on zu er­zeu­gen. Da­mit könn­ten wir die ,na­tür­li­che Ko­ope­ra­ti­on' ei­gent­lich als drit­tes grund­le­gen­des Evo­lu­ti­ons­prin­zip ne­ben die Mu­ta­ti­on und die na­tür­li­che Aus­le­se stel­len.“
Wa­rum ge­rät der tief ver­wur­zel­te Glau­be an den mensch­li­chen Ego­is­mus zu­neh­mend ins Wan­ken? Die Ant­wort auf die­se Fra­ge ist zum Teil ty­pisch für die Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gie. Doch auch in der Psy­cho­lo­gie, So­zio­lo­gie, Po­li­tik­wis­sen­schaft und der ex­pe­ri­men­tel­len Wirt­schafts­for­schung ha­ben sich ganz ähn­li­che Ide­en ent­wi­ckelt, wo­nach Men­schen kei­nes­wegs ge­bo­re­ne Egois­ten sind. Ge­mein­sam span­nen die­se Ide­en einen neu­en geis­ti­gen Bo­gen über jene wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen, die sich mit mensch­li­chem Ver­hal­ten und mensch­li­cher Mo­ti­va­ti­on be­schäf­ti­gen.
Bis Ende der 80er Jah­re wa­ren un­se­re Vor­stel­lun­gen von der Mo­ti­va­ti­on der Men­schen ge­prägt vom Er­folg der „Theo­rie der ra­tio­na­len Ent­schei­dung“, ei­nem im­mer prä­zi­ser de­fi­nier­ten Mo­dell ei­gen­nüt­zi­ger Ra­tio­na­li­tät. Es lie­fer­te das Fun­da­ment für un­ser Den­ken über mensch­li­ches Ver­hal­ten, In­sti­tu­tio­nen und Un­ter­neh­men. Die An­nah­me, dass wir durch­weg ra­tio­na­le We­sen sei­en, die nur ihre ma­te­ri­el­len In­ter­es­sen durch­set­zen wol­len, lie­fer­te recht gute Vor­aus­sa­gen über das mensch­li­che Ver­hal­ten - so dach­ten wir we­nigs­tens. Wir schlos­sen dar­aus, dass wir neue Sys­te­me sinn­vol­ler­wei­se so ent­wer­fen soll­ten, als ob wir alle egois­ti­sche Ge­schöp­fe sei­en. Weil un­ko­ope­ra­ti­ve Zeit­ge­nos­sen den an­de­ren das Le­ben schwer ma­chen kön­nen, ent­wi­ckel­ten wir Sys­te­me, die bei al­len Men­schen grund­sätz­lich nur vom schlimms­ten Ver­hal­ten aus­gin­gen. Das soll­te uns vor Tritt­brett­fah­rern schüt­zen.
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