Logistik

MATERIALMANAGEMENT ODER ELEMENT DER UNTERNEHMENSSTRATEGIE ?:

HBM 3/1983


DR. DR. BERND HEL­MUT KORT­SCHAK hat das Stu­di­um der Rechts- und So­zi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ab­ge­schlos­sen und das Fach Lo­gis­tik an der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wien auf­ge­baut Er ist als wis­sen­schaft­li­cher Be­ra­ter von In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen, Re­gie­run­gen und Un­ter­neh­men in­ter­na­tio­nal tä­tig.

Fol­gen­de Bei­spie­le mö­gen zei­gen, wie viel­fäl­tig die Pro­blem­stel­lun­gen sind, die mit Hil­fe der Lo­gis­tik ge­löst wer­den sol­len: 1. Der Lei­ter der Trans­por­t­ab­tei­lung ei­nes In­dus­trie­be­trie­bs wird mit Vor­wür­fen der in­ter­nen Re­vi­si­on we­gen zu ge­rin­ger Aus­las­tung des Fuhr­parks kon­fron­tiert. Dar­auf­hin be­schließt er, Be­stel­lun­gen so lan­ge zu­rück­zu­hal­ten, bis ein ent­spre­chen­der Aus­las­tungs­grad er­reicht wird. Re­sul­tat: Ge­rin­ge Trans­port­kos­ten, aber Image­ver­lust we­gen un­re­gel­mä­ßi­ger und lan­ger Lie­fer­zei­ten, lang­fris­tig Um­satz- und da­mit ver­bun­den Markt­an­teils­ver­lus­te, letz­ten En­des Ge­winn­rück­gang. 2. Die Fir­ma EDP führt einen Ex­preß­ser­vice zwi­schen End­nach­fra­ger und Zen­tral­fer­tig­wa­ren­la­ger ein, um die Lie­fer­zei­ten so kurz wie mög­lich zu hal­ten. Re­sul­tat: hohe Trans­port­kos­ten und noch im­mer lan­ge Lie­fer­zei­ten, weil es mehr als zehn Tage dau­er­te, bis die ent­spre­chen­de Be­stel­lung den zu­stän­di­gen Sach­be­ar­bei­ter er­reich­te, der den Ver­sand ver­an­laß­te. 3. Die Ge­win­ne ei­ner Schuh­fa­brik ge­hen lau­fend zu­rück. In ei­ner Kri­sen­sit­zung wird be­schlos­sen, eine ag­gres­si­ve Stra­te­gie ein­zu­schla­gen und in eine neue Pro­duk­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on zu in­ves­tie­ren, die bei glei­chem Mit­ar­bei­ter­stand einen um 25 Pro­zent er­höh­ten Pro­duk­ti­ons­aus­stoß er­mög­licht. Re­sul­tat: Die Ge­win­ne ge­hen noch schnel­ler zu­rück, weil die Fer­ti­gungs­ge­mein­kos­ten, die zum größ­ten Teil Lo­gis­tik­kos­ten sind, ab­so­lut und re­la­tiv im­mer hö­her wer­den und in im­mer hö­he­ren Zu­schlä­gen auf die so­ge­nann­ten pro­duk­ti­ven Kos­ten ab­ge­wälzt wer­den. Da­bei er­kennt die Ge­schäfts­füh­rung nicht, daß es sich bei der Schu­h­in­dus­trie um ein Pro­duk­ti­ons­kon­zept des 19. Jahr­hun­derts han­delt und des­halb die Lo­gis­tik­kos­ten an den Ge­samt­kos­ten ei­nes Paars Schu­he weit mehr aus­ma­chen als das Ma­te­ri­al und die so­ge­nann­ten pro­duk­ti­ven Kos­ten zu­sam­men. Schon die­se drei all­täg­li­chen Bei­spie­le zei­gen, daß es sich bei lo­gis­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen nicht ein­fach um eine Sum­me von Pro­ble­men aus Teil­be­rei­chen ei­nes Un­ter­neh­mens han­delt, wel­che iso­liert von den ein­zel­nen Ab­tei­lun­gen sinn­voll ge­löst wer­den kön­nen.
Die funk­tio­na­le Ana­ly­se
lo­gis­ti­scher Pro­ble­me

Die man­geln­de Fä­hig­keit in­sti­tu­tio­nell auf­be­rei­te­ter Stoff­häu­fun­gen zur Be­schrei­bung und Er­klä­rung öko­no­mi­scher Pro­zes­se hat schon früh zu der For­de­rung ge­führt, den Dis­tri­bu­ti­ons­a­spekt funk­tio­nal zu ana­ly­sie­ren. Ein Grund, wa­rum sich die­se For­de­rung nicht durch­set­zen konn­te, war das Denk­prin­zip des voll­kom­me­nen Markts. Der voll­kom­me­ne Markt ne­giert völ­lig das Vor­han­den­sein der Di­stanz als Wert­fak­tor in Zeit und Raum. Die Un­zu­läng­lich­kei­ten bei der Rea­li­sie­rung des Aus­tausch­pro­zes­ses wer­den ver­nach­läs­sigt, das Vor­han­den­sein an­de­rer als rein preis­li­cher Aspekt des Fer­tig­pro­dukts wer­den ne­giert. Das lo­gis­tisch pro­blem­lo­se Mo­dell des voll­kom­me­nen Markts hat zur Aus­bil­dung von Denk­ka­te­go­ri­en und In­sti­tu­tio­nen ge­führt, die ge­gen eine funk­tio­na­le Ana­ly­se des Ma­te­ri­al­flus­ses ge­rich­tet wa­ren. Nur im mi­li­tä­ri­schen Be­reich war man rea­lis­ti­scher, als mit Lo­gis­tik je­ner Teil­be­reich mi­li­tä­ri­scher Füh­rungs­auf­ga­ben be­schrie­ben wur­de, der das Nach­schub- be­zie­hungs­wei­se Ver­sor­gungsund Trans­port­we­sen un­ter Ein­schluß al­ler Ein­rich­tun­gen und Maß­nah­men, die der Er­hal­tung der Schlag­kraft der Streit­kräf­te die­nen, um­faßt. Dort wur­de schon im­mer in­ner­halb der je­wei­li­gen Waf­fen­gat­tung funk­tio­nal ana­ly­siert, Pro­ble­me er­ga­ben sich erst im 20. Jahr­hun­dert mit der Ko­or­di­nie­rung von Land-, See- und Luft­streit­kräf­ten. Die Tat­sa­che, daß der Sam­mel­be­griff Lo­gis­tik die öko­no­misch re­le­van­ten Tat­be­stän­de des Mi­li­tär­we­sens um­faßt, hat zu sei­ner Über­nah­me in den wirt­schaft­li­chen Sprach­ge­brauch ge­führt. Wenn Ihde aus­führt, lo­gis­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen be­zö­gen sich auf die Ge­stal­tung und Re­ge­lung von Re­al­gü­ter­strö­men, so faßt er sehr tref­fend zu­sam­men, was Bo­wers­ox wie folgt um­schrie­ben hat: „The pro­cress of ma­na­ging all ac­ti­vi­ties re­qui­red to stra­te­gi­cal­ly move new ma­te­ri­als, parts and fi­nis­hed in­ven­to­ry from ven­dors, bet­ween fa­ci­li­ties, and to cu­sto­mers.“ Die ent­spre­chen­den Maß­nah­men zie­len auf die Über­win­dung von Raum- und Zeit­dis­pa­ri­tä­ten bei der phy­si­schen Zu­füh­rung ma­te­ri­el­ler Gü­ter zur Exis­tenz­si­che­rung und Ent­wick­lung mehr oder min­der ei­gen­ver­ant­wort­lich ge­re­gel­ter Wirt­schafts­ein­hei­ten (Un­ter­neh­men, Haus­hal­te). Mit die­ser Um­schrei­bung spre­chen Bo­wers­ox und Ihde die funk­tio­na­le Be­trach­tungs­wei­se an, mit der in der Lo­gis­tik Pro­blem­stel­lun­gen ana­ly­siert wer­den. Die funk­tio­na­le Be­trach­tungs­wei­se knüpft an die wirt­schaft­li­che Ab­stim­mung tech­ni­scher Sys­te­me an und prüft, in­wie­weit die Ab­stim­mung der lo­gis­ti­schen Ele­men­te und ihre Ver­knüp­fung un­ter Ver­nach­läs­si­gung der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ein­glie­de­rung in das Un­ter­neh­men er­folgt. Da­durch, daß die­se Un­stim­mig­kei­ten und die da­mit her­vor­ge­ru­fe­nen Dis­pa­ri­tä­ten zu­erst im Ma­te­ri­al­fluß of­fen­sicht­lich ge­wor­den sind, wen­de­te man sich zu­erst der Be­wäl­ti­gung die­ses Pro­blem­krei­ses zu.
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