China droht die Wachs­tums­kri­se

HBM Januar 2020

Es be­steht kein Zwei­fel dar­an, dass sich Chi­na in ei­nem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung be­fin­det. Im Jahr 2018 schaff­ten es 111 Un­ter­neh­men mit Sitz in Chi­na auf die Glo­bal-500-Lis­te der Zeit­schrift „For­tu­ne“ – und er­reich­ten da­mit fast die Zahl von US-Un­ter­neh­men, die es in das Ran­king der um­satz­stärks­ten Welt­kon­zer­ne ge­schafft ha­ben, näm­lich 126. Noch im Jahr 1995 ge­hör­ten nur drei chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men zu den Glo­bal 500; 2018 wa­ren schon drei un­ter den Top Ten. Kein Wun­der, dass man­che Be­ob­ach­ter glau­ben, das Land wer­de schon bald die USA als Sitz der meis­ten „For­tu­ne“-500-Un­ter­neh­men über­ho­len.
Das kann durch­aus pas­sie­ren, doch der Tri­umph wäre ver­mut­lich recht kurz­le­big. Un­se­re Skep­sis grün­det auf dem Bei­spiel Ja­pans: 1995 be­leg­te das Land der auf­ge­hen­den Son­ne den zwei­ten Platz auf der "For­tu­ne"-500-Lis­te, mit nur vier Un­ter­neh­men we­ni­ger als die USA (sie­he Gra­fik "Wird Chi­na das neue Ja­pan?). Die­se Po­si­ti­on ver­dank­te Ja­pan ei­nem jahr­zehn­te­lan­gen ra­pi­den Wachs­tum sei­ner Bin­nen­wirt­schaft – er­staun­li­chen 1171 Pro­zent von 1973 bis 1995.
Chi­na hat eine ganz ähn­li­che Ent­wick­lung durch­ge­macht. Seit 1995 ist die chi­ne­si­sche Bin­nen­wirt­schaft um den Fak­tor 16,6 ge­wach­sen – von ge­ra­de mal 735 Mil­li­ar­den auf heu­te 12,2 Bil­lio­nen Dol­lar. Die Kor­re­la­ti­on zwi­schen dem An­stieg des chi­ne­si­schen Brut­to­in­land­s­pro­dukts (BIP) und dem Auf­stieg chi­ne­si­scher Un­ter­neh­men in die Glo­bal-500-Lis­te be­trägt 99 Pro­zent.
Aus un­se­rer Sicht be­ruht der An­teil Chinas am Welt­ge­schäft – ge­nau wie da­mals der ja­pa­ni­sche – auf ei­ner dy­na­mi­schen Bin­nen­wirt­schaft. So mach­ten die drei füh­ren­den chi­ne­si­schen Un­ter­neh­men der „For­tu­ne“-Lis­te 2018 über 85 Pro­zent ih­rer Um­sät­ze im In­land: State Grid Cor­po­ra­ti­on of Chi­na, Chi­na Pe­tro­che­mi­cal Cor­po­ra­ti­on und Chi­na Na­tio­nal Pe­tro­le­um Cor­po­ra­ti­on sind al­le­samt Staats­be­trie­be, eben­so wie 84 wei­te­re von Chinas 111 Glo­bal-500-Un­ter­neh­men. So­mit hängt ihr Wachs­tum er­war­tungs­ge­mäß vom In­land­sum­satz ab. Doch auch vie­le der in der Lis­te auf­ge­führ­ten Pri­vat­un­ter­neh­men er­wirt­schaf­ten den größ­ten Teil ih­rer Um­sät­ze über in­län­di­sche Kun­den. Bei den Tech­no­lo­gie­rie­sen Ali­ba­ba und Tencent bei­spiels­wei­se sind es 74 be­zie­hungs­wei­se 80 Pro­zent. Was das be­deu­tet, liegt auf der Hand: Ein star­ker Ab­schwung der Bin­nen­wirt­schaft wür­de die große Mehr­heit der chi­ne­si­schen Glo­bal-500-Un­ter­neh­men ge­fähr­den. Es gibt nur we­ni­ge Aus­nah­men, vor al­lem Hua­wei und Le­no­vo, die 50 be­zie­hungs­wei­se 75 Pro­zent ih­rer Um­sät­ze im Aus­land er­zie­len.
Ein sol­cher Ab­schwung ist un­se­rer Mei­nung nach un­ver­meid­lich. De­mo­gra­fi­sche Da­ten zei­gen, dass Chinas er­wer­bs­fä­hi­ger Be­völ­ke­rungs­an­teil schrumpft. Soll­te sich die Ar­beits­pro­duk­ti­vi­tät nicht dras­tisch ver­bes­sern, führt ein nied­ri­ge­rer An­teil an ar­bei­ten­der Be­völ­ke­rung zwangs­läu­fig zu ei­ner ge­rin­ge­ren Wachs­tums­ra­te des BIPs. In Ja­pan ist der An­teil der Be­völ­ke­rung im er­wer­bs­fä­hi­gen Al­ter ähn­lich stark zu­rück­ge­gan­gen, und auch dort war es nicht mög­lich, die Pro­duk­ti­vi­tät so weit zu stei­gern, wie es zur Auf­recht­er­hal­tung des Wachs­tums not­wen­dig ge­we­sen wäre. Es ist un­wahr­schein­lich, dass Chinas Un­ter­neh­men ge­nau an dem Punkt er­folg­reich sind, an dem die ja­pa­ni­schen schei­ter­ten, zu­mal die Fak­to­ren, die Chinas spek­ta­ku­lä­res Wachs­tum in den letz­ten 20 Jah­ren vor­an­ge­trie­ben ha­ben – zu An­fang nied­ri­ges Pro­duk­ti­vi­täts­ni­veau, Über­an­ge­bot an Land­ar­bei­tern und ein­fa­cher Zu­gang zu aus­län­di­schen Tech­no­lo­gi­en –, in­zwi­schen deut­lich zu­rück­ge­gan­gen sind.
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