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HBM Juli 2018

Drei­ßig Jah­re ist es nun her, dass der Psy­cho­lo­ge Ro­bert Co­les an der Har­vard Busi­ness School den ers­ten Kurs in klas­si­scher Li­te­ra­tur gab. Ein solch in­ter­dis­zi­pli­närer An­satz war bis da­hin un­ge­wöhn­lich. Aber Co­les hat­te eine über­zeu­gen­de Be­grün­dung: Li­te­ra­tur er­öff­ne einen Blick in Per­sön­lich­keits­zü­ge, die der klas­si­schen For­schung ver­bor­gen blei­ben. Heu­te zählt der Li­te­ra­tur­kurs – als Er­wei­te­rung und mit­un­ter auch als Er­satz der üb­li­chen Case Stu­dies – zu den ob­li­ga­to­ri­schen Mo­du­len der Busi­ness School.
Die­se hoch­schul­di­dak­ti­sche In­no­va­ti­on in­spi­rier­te eine Men­ge Nach­ah­mer, die bald wahl­los Geis­tes­grö­ßen wie Se­ne­ca, Pla­ton oder Goe­the post­hum zu Be­ra­tern für Ma­na­ger er­ho­ben, vor al­lem aber, und dies hun­dert­fach: Niccolò Ma­chia­vel­li. „Der Fürst“, je­nes 1513 ver­fass­te Werk Ma­chia­vel­lis, wird zur­zeit wie­der ernst­haft als Leit­fa­den für Durch­set­zungs­kraft und Er­folg an­ge­prie­sen. Die Pro­mi­nenz Ma­chia­vel­lis im Ma­na­ge­ment­be­reich ist al­ler­dings ver­wun­der­lich, und wenn man ge­nau hin­schaut, so­gar recht will­kür­lich.
Denn zur glei­chen Zeit er­schi­en ein Welt­best­sel­ler, der als Kern­mo­tiv einen be­mer­kens­wer­ten wirt­schaft­se­thi­schen Ge­gen­ent­wurf bein­hal­te­te. Er rich­te­te sich zu­dem an eine weit grö­ße­re Grup­pe von In­ter­es­sen­ten: an jene ein­fluss­rei­chen Per­so­nen, die als „Cor­te­gia­ni“ dienten und als Fi­nanz­fach­leu­te, Pla­ner und Künst­ler hö­fi­sche Schlüs­sel­po­si­tio­nen ein­nah­men. Das Werk war also ein Bre­vier für die Mit­glie­der der Kom­pe­tenz­teams da­ma­li­ger Fürs­ten, Per­so­nen, die der zwei­ten und drit­ten Füh­rungs­ebe­ne an­ge­hör­ten. Das halb fik­tio­na­le, halb au­then­ti­sche Buch, das im Lau­fe der fünf ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te si­cher mehr als eine Mil­li­on Mal ge­le­sen wur­de, be­schrieb, was die­se Leu­te im Ide­al­fall aus­zeich­ne­te. Der Au­tor: Baldassa­re Cas­tiglio­ne, Di­plo­mat und Be­ra­ter ver­schie­de­ner Fürs­ten im spä­ten 15. und frü­hen 16. Jahr­hun­dert. Der Ti­tel: „Il li­bro del Cor­te­gia­no“. Cas­tiglio­ne präg­te dar­in den Be­griff „Sprez­za­tu­ra“, mit dem er die Men­ta­li­tät ei­ner idea­len Füh­rungs­kraft cha­rak­te­ri­sier­te.
Bis heu­te hat die­ses Wort nichts von sei­ner At­trak­ti­vi­tät ver­lo­ren. Wenn man es goo­gelt, er­hält man mehr als zwei Mil­lio­nen Tref­fer. Worin be­steht sei­ne Fas­zi­na­ti­on? Es gibt nur we­ni­ge Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge. Zu­nächst ein­mal mag es wohl­tu­end sein, dass sich in­mit­ten der lär­men­den An­g­li­zis­men, mit de­nen Busi­ness-Par­ven­üs her­um­prot­zen, ein ele­gan­ter – wie wür­de man es nen­nen: Ita­li­zis­mus? – in der Ge­schäfts­welt hal­ten kann. Alle Ver­su­che der Über­set­zung zei­gen al­ler­dings, dass die Wort­prä­gung nicht durch eine ein­zel­ne Vo­ka­bel zu er­klä­ren ist. Schon im „Cor­te­gia­no“ selbst fin­det man viel­fäl­ti­ge Prä­zi­sie­run­gen: etwa „gra­zia“, „mi­su­ra“ und „arte“, also An­mut, Aus­ge­wo­gen­heit und Kunst­fer­tig­keit. Der im Ori­gi­nal in 174 Text­stel­len meist­ge­brauch­te Ter­mi­nus ist „virtú“, am zu­tref­fends­ten über­setzt als zu­rück­hal­tend un­af­fek­tier­te Vir­tuo­si­tät. In spä­te­ren In­ter­pre­ta­tio­nen fin­den sich wei­te­re At­tri­bu­te: Ele­ganz und Ge­las­sen­heit, Non­cha­lan­ce, Sa­voir-faire und in der Lin­gua fran­ca der glo­ba­li­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on vor al­lem: Cool­ness. Am tref­fends­ten um­schrieb der Ger­ma­nist Ger­hard von Grae­ve­nitz den Be­griff 2005 in ei­nem Vor­trag an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len: „schlaf­wand­le­ri­sche Hand­lungs­kom­pe­tenz“.
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