Wie Diskriminierung der Wirtschaft schadet

Wirtschaftsgeschichte:

Von Kilian Huber, Volker Lindenthal und Fabian Waldinger
Heft 5/2019
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Dass Staaten bestimmte Bevölkerungsgruppen bewusst diskriminieren, ist vielen Deutschen heute nur noch als historisches Phänomen bekannt - oder als Problem nicht westlicher, diktatorisch geführter Volkswirtschaften. Doch so entfernt, wie wir denken, ist das Phänomen nicht. Auch in Industrieländern unterdrücken und schikanieren Regierungen Menschen, die zu einer nicht erwünschten Gruppe gehören.

Nur zwei Beispiele: Anfang 2017 belegte US-Präsident Donald Trump Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern mit einem Einreiseverbot. US-Unternehmen fürchteten daraufhin, dass wachsende Diskriminierung es ihnen erschweren werde, Talente zu rekrutieren, zu halten und weiterzuentwickeln. Und in der Türkei ließ Staatspräsident Erdogan nach dem Putschversuch von 2016 mehrere Tausend Führungskräfte verhaften, die angeblich Anhänger von Fetullah Gülen waren; viele weitere Türken flohen ins Ausland. Seitdem mehren sich die Stimmen, die vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch warnen.

Wenn Staaten Teile ihrer Bevölkerung diskriminieren, hat das nicht nur für die Betroffenen schlimme Folgen. Diskriminierung durchdringt die gesamte Gesellschaft - auch die Wirtschaft. Eine häufige Methode ist der Ausschluss talentierter Menschen von Führungspositionen. Daher wollten wir wissen: Wie hoch sind die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Praxis? Werden Unternehmen weniger rentabel, wenn sie selbst zu diskriminieren beginnen und hoch qualifizierte Personen nicht mehr für Managementaufgaben einsetzen? Und schließlich: Wie sehr leidet eine Volkswirtschaft, wenn ihre Regierung bestimmte Gruppen diskriminiert?

Obwohl das Thema extrem relevant für Unternehmen und Staaten ist, haben wir derzeit nur wenige Belege dafür, wie kostspielig es sein kann, wenn staatliche Institutionen hoch qualifizierte Führungskräfte diskriminieren.

Deshalb sind wir in unserer Studie "Discrimination, Managers, and Firm Performance: Evidence from 'Aryanizations' in Nazi Germany" neue Wege gegangen und haben die wirtschaftlichen Verluste durch Diskriminierung gemessen. Konkret analysierten wir die Diskriminierung von Führungskräften jüdischer Herkunft im Deutschland des Nationalsozialismus.

Dafür werteten wir Daten zu den größten deutschen Unternehmen jener Zeit aus und ermittelten, wie sich Aktienkurse und Rentabilität von Unternehmen entwickelten, deren jüdische Manager wegen des wachsenden Antisemitismus ihre Posten verlassen mussten.

Dafür mussten wir zuerst verstehen, wie sich die Gruppe der Führungskräfte in Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren zusammensetzte und veränderte. Für unsere Studie digitalisierten und untersuchten wir Daten zu rund 30.000 Führungspositionen in 655 deutschen Unternehmen, die an der Berliner Börse gelistet waren - der mit Abstand größten Börse in Deutschland.

Darunter waren Manager ohne jüdische Vorfahren, Manager in gemeinhin als jüdisch wahrgenommenen Unternehmen und Führungskräfte in Unternehmen, die nicht als jüdisch wahrgenommen wurden, aber zufällig Manager jüdischer Herkunft beschäftigten (zum Beispiel Allianz, BMW, Daimler-Benz und IG Farben).

Vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten in den früher 1930er Jahren betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland weniger als 0,8 Prozent. Doch wie wir in unserer Studie herausfanden, war der Anteil von Topmanagern jüdischer Herkunft (darunter praktizierende Juden, aber auch Christen mit jüdischen Vorfahren) sehr viel höher: Im Jahr 1932 lag er bei 15,8 Prozent. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde Judendiskriminierung jedoch alltäglich.

Viele Unternehmen entließen Manager jüdischer Herkunft von sich aus oder wurden von Nazi-Amtsträgern dazu genötigt. So zwang die Deutsche Bank ihren Vorstandsvorsitzenden Oscar Wassermann und das Vorstandsmitglied Theodor Frank, ihr Amt zum 1. Juni 1933 niederzulegen. Im Jahr 1938 gab es in den größten deutschen Unternehmen praktisch keine jüdischen Manager mehr.

Im nächsten Schritt verglichen wir Unternehmen, in denen jüdische Manager arbeiteten, mit Firmen, die von vornherein keine Manager jüdischer Herkunft beschäftigt hatten und ihre Führungsteams daher unverändert lassen konnten. Wir bereinigten unsere Zahlen um eine Reihe von Faktoren, die sich auf die Aktienkurse der Unternehmen ausgewirkt haben könnten, darunter Verbindungen zur NSDAP, Geschäftsjahr, Unternehmensgröße, -alter und Branche.

Unsere Studie zeigte, dass sich nach 1932 die Merkmale des Topmanagements in jenen Unternehmen änderten, die zuvor jüdische Führungskräfte beschäftigt hatten. Durch den Verlust ihrer jüdischen Manager sank nicht nur die Anzahl erfahrener Führungskräfte, sondern auch die Zahl der Manager mit Hochschulabschluss und Führungserfahrung.

Auch die Verbindungen zu anderen Unternehmen (gemessen an den Sitzen in anderen Aufsichtsräten) nahmen deutlich ab. Diese Effekte hielten bis zum Ende unseres Stichprobenzeitraums im Jahr 1938 an. Die Ergebnisse zeigen, dass die Unternehmen ihre entlassenen jüdischen Manager nicht durch Führungskräfte ersetzten, die ähnliche Qualitäten aufwiesen. (…)

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 5/2019


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Die Autoren
    Kilian Huber ist Fellow in Makroökonomik am Becker Friedman Institute der University of Chicago. Ab Juli 2019 arbeitet er als Assistant Professor of Economics an der Booth School of Business der University of Chicago.
  • Volker Lindenthal ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • Fabian Waldinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wirtschaftsgeschichte, Arbeitsmarktökonomie und Innovationsökonomie.
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