Zeigt her eure Tattoos

Psychologie:

Heft 4/2019
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Bewerbern wurde früher meist geraten, ihre Tattoos zu verstecken. Gilt das heute auch noch?

French: Wir hatten erwartet, dass Tattoos die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt schmälern. Meine Koautoren - Karoline Mortensen und Andrew Timming - und ich dachten, dass wir Gehaltseinbußen oder Schwierigkeiten bei der Jobsuche beobachten werden. Personalverantwortliche hatten in früheren Erhebungen gesagt, dass sie tätowierte Bewerber benachteiligen würden. Aber in unserer Studie konnten wir keinen Zusammenhang zwischen Körperkunst und Einkommen feststellen, nachdem wir mögliche Einflussfaktoren auf Jobchancen wie Alkoholkonsum oder Vorstrafen herausgenommen hatten. Unabhängig von Größe, Anzahl, Sichtbarkeit oder möglicher Anstößigkeit scheinen Tattoos keine Auswirkung darauf zu haben, ob jemand eine Stelle findet oder genauso viel verdient wie andere Menschen. Wir konnten sogar zwei positive Korrelationen beobachten: Tätowierte Männer hatten 7 Prozent höhere Chancen, eingestellt zu werden, als Männer ohne Tattoos. Und tätowierte Männer und Frauen arbeiteten mehr Stunden in der Woche.

Wenn ich als Mann also keinen Job finde, dann sollte ich einen Tätowierer aufsuchen?

French: Na ja, da wäre ich vorsichtig. Wir haben eine Korrelation beobachtet, aber keinen Kausalzusammenhang. Die Aussage unserer Studie ist nicht, dass man seine Jobaussichten durch Tattoos verbessern kann. Sondern die, dass es keine Nachteile auf dem Arbeitsmarkt gibt, wenn man ein Tattoo hat.

Was hat Sie an Tattoos interessiert?

French: Es gibt schon jede Menge Forschung zum Einfluss anderer persönlicher Eigenschaften auf die Karriere - Herkunft, Alter, Aussehen, Gesundheit, Größe, Gewicht und Behinderungen - und von Verhaltensweisen wie Trinken, Rauchen und Drogenkonsum. Zu Tattoos gab es aber fast nichts. Wir konnten nur zwei Datensätze finden, in denen Menschen gefragt wurden, ob sie tätowiert seien. Als wir die Antworten mit dem Beschäftigungsstatus der Befragten abglichen, fanden wir keinen signifikanten Zusammenhang. Nicht berücksichtigt wurden dabei allerdings die Größe oder die Körperstelle des Tattoos. Wir nahmen an, dass wir zu anderen Ergebnissen kommen, wenn wir nach Tätowierungen fragen, die sichtbar, besonders groß oder anstößig sind. Unsere Ausgangshypothese fußte auf Studien, die besagten, dass Tattoos am Arbeitsplatz ein Tabu sind. Eine besagte, dass tätowierte Menschen als weniger aufrichtig, motiviert und intelligent wahrgenommen werden. In einer anderen Studie äußerten 80 Prozent der Personalverantwortlichen und Recruiter eine negative Einstellung gegenüber sichtbaren Tattoos bei Bewerbern. Und 2016 fand Andrew Timming heraus, dass tätowierte Jobanwärter deutliche Nachteile bei Bewerbungen auf Jobs mit Kundenkontakt hatten. Bis vor Kurzem wurden Tattoos auch noch mit Rebellion, Kriminalität oder Bandenmitgliedschaft assoziiert - darauf legt man bei Mitarbeitern nun wirklich keinen Wert.

Aber die Zeiten haben sich geändert?

French: Ja, einige der Studien sind mehr als zehn Jahre alt. Seitdem hat die Akzeptanz von Tattoos eindeutig zugenommen, als Ausdruck der Persönlichkeit, ähnlich wie Kleidung, Schmuck oder die Frisur. Unter unseren Befragten waren 23 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen tätowiert. Schätzungen zufolge gibt es in 40 Prozent der US-Haushalte eine Person mit Tattoo, 1999 waren es noch 21 Prozent. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass, wie Ökonomen bei anderen Themen schon nachgewiesen haben, die geäußerten Präferenzen nicht immer mit den tatsächlichen Präferenzen übereinstimmen müssen. Vielleicht sagen Sie, dass Sie lieber jemanden ohne Tattoo einstellen. Aber wenn es hart auf hart kommt, wählen Sie dann doch den Bewerber aus, der am besten qualifiziert ist - mit oder ohne Tattoo. Sogar bei den US-Marines sind Tattoos bei Rekruten inzwischen erlaubt, solange sie nicht im Gesicht sind. Denn die Truppe befürchtete, dass sonst gute Kandidaten wegbleiben würden.

Gibt es einen Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten? Sind Tattoos bei Handwerkern okay, aber nicht bei Managern?

French: Das hätte ich gern abgefragt. Eine Studie von 2010 zeigte, dass Verbraucher bei sichtbaren Tattoos tatsächlich diesen Unterschied machen. Und es ist gut möglich, dass die meisten unserer Befragten eher schlechter bezahlte Jobs hatten, weil sie für das Beantworten unserer Fragen über die Plattform Mechanical Turk eine geringe Teilnahmegebühr erhielten. Das Durchschnittseinkommen lag bei 36.485 Dollar für Männer und 25.930 Dollar für Frauen. In einigen Jobs sind Tattoos weniger von Nachteil, in manchen werden sie vielleicht sogar positiv gesehen. Aber ich vermute, dass mittlerweile die meisten Menschen kein Problem damit haben, wenn Ärzte, Anwälte oder Buchhalter tätowiert sind.


Das vollständige Interview finden Sie im aktuellen Harvard Business Manager.

Ausgabe 4/2019


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