"Mut kann man lernen"

Spezial Mut:

Mit Sven Hannawald sprach Julia Wehmeier
7. Januar 2020
DPA

Ist Skispringen mutig?

Hannawald: Die Sprünge sind irgendwann Gewohnheit. Mut war es immer dann, wenn ich auf das Altgewohnte, wo ich wusste, dass nichts passiert, noch einen draufgesetzt habe. Denn nur dann hatte ich eine Chance zu gewinnen. Vorher weiß man nie, ob es gut geht, deswegen fühlt sich das auch nicht so gut an. Aber letzten Endes wollte ich Wettkämpfe gewinnen, und dafür musste ich etwas riskieren. Das gilt für den Sport und auch in der Wirtschaft: Um etwas zu erreichen, müssen Sie einen Tick mehr geben als die anderen. Mit der Zeit lernt man, Risiken einzuschätzen. Und manchmal geht man zu weit und ist erst hinterher schlauer. Daraus lernt man dann und verändert beim nächsten Sprung etwas, das macht einen erfahrenen Sportler aus.

Also ist der Erfahrene im Vorteil, weil er Risiken besser einschätzen kann?

Hannawald: Skispringen ist eine Sportart, die aus Physik, Aerodynamik und eigener Leistung besteht. Lange Zeit sind die Sportler ganz klassisch parallel gesprungen. Und dann kam irgendwann ein Schwede namens Jan Böklov und erfand den V-Stil. Er sprang technisch nicht perfekt sauber und war körperlich auch nicht gerade ein Musterathlet, aber er sprang plötzlich allen davon.

Wie war der erste Sprung?

Hannawald: Wenn jemand Skispringer werden möchte, heißt das nicht, dass er direkt von der 120-Meter-Schanze springen muss. Das würde sich niemand trauen. Man wächst da rein. Ab etwa fünf Jahren werden Kinder nach und nach an ganz kleine Schanzen rangeführt, bei den ersten Schanzen sind sie vielleicht zehn Meter in der Luft. Irgendwann springen sie immer weiter und werden sicherer. Direkt neben der kleinsten Schanze steht dann schon die nächstgrößere, und die Blicke wandern irgendwann rüber zur größeren Schanze. Die Trainer müssen sie gar nicht groß überreden, wenn es auf die größere Schanze gehen soll. Irgendwann stehst du dann auf der höheren Schanze und hast Schmetterlinge im Bauch, weil es doch eine große Überwindung ist - auch wenn es vielleicht nur 30 Meter sind. Erwachsene fliegen heute bis zu 250 Meter weit. Aber als Kind kommt dir der Umstieg von 10 auf 30 Meter vor wie der Unterschied zwischen einem normalen Auto und einem Formel-1-Wagen. Du setzt dich auf den Balken, wartest auf das Signal vom Trainer und rufst dann das ab, was du gelernt hast. Ich war vor meinem allerersten Sprung sehr unsicher. Aber wenn du die Angst vorm ersten Sprung überwunden hast, merkst du erst, wie schön Skispringen ist. Diese Sucht nach Adrenalin im Körper wird man nicht mehr los.

Waren Sie auch mal übermütig?

Hannawald: Mein größter Erfolg war die Vierschanzentournee, bei der ich als Erster alle vier Springen gewonnen habe. Ich habe dann im Nachgang sogar die Qualifikationssprünge ausgelassen, weil ich so selbstbewusst war. Bei der Tournee wird im K.-o.-Modus gesprungen, der schlechteste der Qualifikation springt gegen den besten der Qualifikation. Weil ich die Sprünge ausgelassen habe, wurde ich automatisch als Schlechtester gewertet. Ich musste also gegen den Gewinner der Qualifikation ran und gewinnen. Ich wollte mir die Energie des zusätzlichen Sprungs sparen. Und ich hatte so ein Vertrauen in mich, dass ich mir ganz sicher war, es jedes Mal zu schaffen. Den Druck, den ich mir damit selbst aufgebaut habe, habe ich gar nicht wahrgenommen.

Sie haben 2004 Ihre Burn-out-Erkrankung öffentlich gemacht und schulen heute Manager zum Thema Corporate Health. Warum ist Ihnen das wichtig?

Hannawald: Ich möchte Unternehmen dafür sensibilisieren, dass sich etwas ändern muss, weil Betroffene nicht allein aus dem Hamsterrad rauskommen. Ich habe das damals auch nicht geschafft. Egal ob im Profisport oder im Management, kaum jemand gesteht Schwächen öffentlich ein - bis der Körper "Stopp!" sagt. Führungskräfte von heute müssen Balance vorleben, um nachhaltig erfolgreich zu sein. In Talks, Vorträgen und Seminaren gebe ich meine Grenzerfahrungen weiter. Es brauchte Mut, mir einzugestehen, dass ich den aktuellen Weg so nicht weitergehen kann.

Alle Gespräche und Interviews unserer Umfrage lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

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Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Sven Hannawald
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    Sven Hannawald gewann als erster Sportler alle Springen der Vierschanzentournee. Nach einer Burn-out- Erkrankung zog er sich aus dem aktiven Sport zurück. Er arbeitet als Kommentator und Unternehmensberater.
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