Schöne Bürde

Psychologie:

Heft 2/2020
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Verteidigen Sie Ihre Forschung
  • Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers zu einem aktuellen Forschungsprojekt.

Frau Sheppard, wie haben Sie Ihre Experimente aufgebaut?

Sheppard: In den Artikeln, die wir für die Experimente verfassten, zitierten wir eine Führungskraft des Unternehmens: Grund für die Entlassungen sei die wirtschaftliche Gesamtsituation, nicht etwa Fehler im Unternehmen. Dann rekrutierten wir männliche und weibliche Probanden in den USA über Mechanical Turk - eine Onlineplattform, deren User meist gebildeter sind als der Rest der Bevölkerung. Wir teilten sie in vier Gruppen auf und zeigten jeder ein anderes Foto der Sprecherin oder des Sprechers, die die Entlassungen verkündeten: entweder eine sehr attraktive Frau, eine weniger attraktive Frau, einen sehr attraktiven Mann oder einen weniger attraktiven Mann. Wir hatten zuvor andere Probanden gebeten, die Attraktivität der gezeigten Führungskräfte zu bewerten. Und um Einheitlichkeit zu gewährleisten, hatten alle Abgebildeten weiße Hautfarbe und trugen Businesskleidung.

Zudem setzten wir für jede Attraktivitätskategorie zwei Frauen und Männer ein, auch wenn jeder Proband nur eine Person sah. Damit wollten wir sicherstellen, dass der Effekt nicht von irgendetwas an der abgebildeten Person oder vom Foto selbst verursacht wurde. Dann stellten wir unseren Probanden einige Fragen: Wie sehr vertrauten sie der Erklärung der Führungskraft? Wirkte er oder sie aufrichtig?

In einer Folgestudie mit Studierenden fragten wir außerdem, ob die Manager wegen ihrer Rolle bei den Entlassungen selbst gefeuert werden sollten. Es zeigte sich, dass schöne Frauen als weniger aufrichtig und weniger vertrauenswürdig in ihrer Führungsrolle wahrgenommen wurden. Zudem verdienten sie in den Augen der Probanden eher, entlassen zu werden, als normal attraktive Managerinnen.

Und was war mit den Männern?

Sheppard: Wir sahen so gut wie keinen Unterschied in den Reaktionen der Probanden auf attraktive beziehungsweise weniger attraktive Sprecher, die das gleiche Statement abgegeben hatten. In einigen Fällen wurden gut aussehende Männer sogar als etwas aufrichtiger wahrgenommen als normal attraktive.

Mich als Frau macht das wütend.

Sheppard: Die Botschaft ist nicht ausschließlich nachteilig für Frauen: Weniger attraktive Managerinnen erhielten in unserer Studie bei Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit bessere Bewertungen als Männer - attraktive wie unattraktive.

Gibt es auch Vorteile für attraktive Frauen am Arbeitsplatz?

Sheppard: In einer anderen Studie haben wir die Leute auf den Fotos nach wahrgenommener Kompetenz bewerten lassen. Dabei zeigte sich, dass die sehr attraktiven Führungskräfte unabhängig vom Geschlecht als kompetenter wahrgenommen wurden. Obwohl schöne Frauen also als weniger aufrichtig gesehen werden, verbinden die Menschen andere positive Eigenschaften mit ihnen. Allgemeiner gesprochen: Wir wissen aus der bisherigen Forschung, dass attraktive Menschen in der Regel besser durchs Leben kommen. Sie bekommen mehr Aufmerksamkeit von Lehrern, haben eine größere Auswahl bei der Partnersuche und verdienen mehr.

Woher kommt das Misstrauen gegenüber attraktiven Frauen?

Sheppard: Wir vermuten, dass dahinter das literarische Motiv der bösen Verführerin steckt: eine unterbewusste Angst bei Menschen beiderlei Geschlechts, dass schöne Frauen ihr Aussehen missbrauchen könnten, um andere - in der Regel Männer - zu manipulieren. Das könnte evolutionäre Wurzeln haben; Attraktivität war einst ein Instrument, mit dem Frauen um den Zugang zu Männern und so um den ökonomischen Aufstieg konkurrierten. Heute noch belegen Studien, dass Männer die körperlichen Attribute ihrer Partnerinnen höher bewerten, als es Frauen bei ihren Partnern tun - auch wenn Männer hübschere Frauen als weniger vertrauenswürdig ansehen.

Könnte es nicht nur eine Reaktion darauf sein, wie Führungskräfte schlechte Nachrichten verkünden?

Sheppard: In einem weiteren Experiment baten wir die Probanden, Sprecher zu bewerten, die positive Unternehmensnachrichten verkündeten, also etwa die Schaffung neuer Jobs. Es zeigte sich, dass auch hier weibliche Schönheit bestraft wurde. Außerdem zeigten wir Frauen in verschiedenen Rollen. Vorangehende Forschungen deuten darauf hin, dass Menschen negativer auf attraktive Frauen reagieren, wenn diese in Berufen arbeiten, die als eher maskulin gelten, etwa in hohen Führungspositionen. Aber unsere Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer hatten auch Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit von hübschen Frauen, wenn diese in vermeintlich weiblichen Berufen arbeiteten.

Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 2/2020


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