Leistung sticht Berufserfahrung

Recruiting:

Heft 11/2019
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Herr Van Iddekinge, wie kann es sein, dass Erfahrung nicht zählt?

Van Iddekinge: Wir waren überrascht. Es scheint intuitiv, dass Bewerber, die generell Erfahrung haben oder schon einmal in dem Job, auf den sie sich bewerben, gearbeitet haben, im Vorteil sind. Aber als wir uns all diese Studien angeschaut haben - und wir haben Tausende durchsucht, um die 81 mit relevanten Daten zu finden -, fanden wir nur eine sehr schwache Verbindung zwischen der Vorerfahrung und Leistung. Das gilt für die Ausbildung und den Job. Außerdem stellten wir keinen Zusammenhang zwischen der Berufserfahrung bei früheren Arbeitgebern und der Loyalität oder der Wahrscheinlichkeit fest, dass jemand bei einer neuen Organisation bleiben würde.

Aber ist Erfahrung nicht das Erste, worauf Unternehmen bei Kandidaten achten?

Van Iddekinge: Auf jeden Fall. Wir haben 115 Stellenanzeigen von monster.com analysiert und festgestellt, dass 82 Prozent entweder Berufserfahrung verlangten oder eine starke Präferenz dafür angaben. Die meisten Unternehmen halten es für wichtig, sogar bei Einsteigerjobs. Leider unterstützt die Datenlage nicht die Vorstellung, dass Bewerber mit mehr Erfahrung länger bei einem Unternehmen bleiben als solche mit weniger Erfahrung.

Wie haben diese Studien Leistung gemessen?

Van Iddekinge: Das variierte, aber typischerweise auf zwei Arten: entweder mithilfe der Bewertung durch Führungskräfte - etwa jährliche Beurteilungen - oder mithilfe objektiver, quantifizierbarer Kennzahlen wie Verkäufen oder - wie in einer Studie über Näher - der Anzahl der produzierten Einzelteile.

Über welche Art von Jobs und Branchen sprechen wir hier?

Van Iddekinge: Die Mehrzahl waren öffentliche Dienstleistungen im Bereich Sicherheit (Polizei, Feuerwehr), gefolgt von Vertrieb und Kundenservice. Die Studienteilnehmer arbeiteten überwiegend im direkten Kundenkontakt, einige waren Führungskräfte. Niemand war in höchster leitender Funktion. Wir haben 15 der 23 Jobfamilien erfasst, die das Occupational Information Network des U.¿S. Department of Labor aufführt. Ein ziemlich guter Querschnitt der US-Wirtschaft, finden wir.

Warum in aller Welt sollten Menschen mit Berufserfahrung, vor allem wenn es ähnliche Jobs waren, nicht besser abschneiden als Bewerber ohne?

Van Iddekinge: Meine Koautoren und ich haben uns darüber Gedanken gemacht. Eine Möglichkeit ist, dass Berufserfahrung unzureichend gemessen wird: die Anzahl der Jobs, die jemand hatte, wie lange er beim vorigen Arbeitgeber war, die Berufsjahre insgesamt und ob er vorher an einer ähnlichen Aufgabe gearbeitet hat. Diese Kennzahlen zeigen uns, ob jemand Erfahrung hat, aber sie sagen nichts über die Qualität und die Bedeutung der Erfahrung aus, obwohl dies wahrscheinlich mehr Einfluss auf die Leistung hat. Eine der Grundannahmen in unserem Forschungsbereich ist, dass Verhalten in der Vergangenheit Handlungen in der Zukunft voraussagt. Aber Vorerfahrung von Bewerbern sagt nichts über deren Verhalten aus. Vielleicht ist die Person gescheitert in vorherigen Jobs oder hat sich nicht weiterentwickelt. Die Erfahrung sollten wir weiterhin berücksichtigen, aber uns näher mit der Leistung von Bewerbern beschäftigen. Wir sollten herausfinden, ob Bewerber aus den Erfahrungen gelernt haben. Nicht alle Menschen sind gut darin, vielleicht vergessen sie Dinge, die schiefgegangen sind, oder haben für alles eine Erklärung. Und schließlich müssen wir berücksichtigen: Joberfahrung in einem Unternehmen bringt vielleicht nichts für den Job in einem neuen Unternehmen oder schadet der Leistung sogar - wenn dort anders gearbeitet wird oder die Unternehmenskultur nicht vergleichbar ist.

Sind dafür nicht eigentlich Vorstellungsgespräch und Referenzen da?

Van Iddekinge: Ja, besonders wenn Sie nach Verhalten fragen wie: "Wie sind Sie in der Vergangenheit mit schwierigen Kunden umgegangen? Erzählen Sie mir, wie Sie in einer konkreten Situation gehandelt haben und was das Ergebnis war." Aber nicht alle Arbeitgeber bewerten Bewerber so. Und gute Bewerber sind vielleicht schon vorher wegen mangelnder Berufserfahrung aussortiert worden.

Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 11/2019


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