Karriere dank Kartell

Verbotene Preisabsprachen:

Von Ingmar Höhmann
Heft 4/2020
Getty Images
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Ihre Studie haben Sie mit einer Frage überschrieben: "Profitieren Manager von Preisabsprachen?" Auf welche Antwort sind Sie gekommen?

Schmid Kartelle lohnen sich für Manager, weil sie kaum aufgedeckt werden. Wenn man mit Wettbewerbern Preise abspricht, lässt sich das leicht vor Aufsichtsgremien und Behörden geheim halten. Kartelle können nicht nur hochlukrativ für Unternehmen sein, sondern auch für einzelne Manager, weil sie mehr Erfolg haben, länger ihren Job behalten und höhere Boni bekommen. Wenn Absprachen einmal auffliegen, bleibt das Risiko überschau-bar. Die Strafen richten sich in aller Regel gegen die Unternehmen und nicht gegen die Manager.

Woher stammen Ihre Informationen?

Schmid Unsere Hauptquelle war der "Private International Cartel"-Datensatz, welcher vom Volkswirtschaftsprofessor John Connor und seinem Team an der Purdue University zusammengestellt wurde. Darin sind 248 börsennotierte US-Unternehmen aufgeführt, die von Kartellbehörden weltweit bestraft wurden. Es handelte sich um sogenannte Hardcore-Kartelle - eine Beschreibung des US-Justizministeriums für Absprachen, um Marktpreise zu manipulieren oder das Angebot zu beschränken. Die Daten stammen aus den Jahren 1990 bis 2014. Insgesamt lagen uns Informationen zu 1291 Kartellen mit 8302 Teilnehmern vor. Wir haben anhand einer Vergleichsgruppe aus unbescholtenen, also nie für Kartellvergehen verurteilten Unternehmen untersucht, ob sich die Preisabsprachen gelohnt haben.

Was kam für die Manager heraus?

Schmid Die Topmanager der Kartellunternehmen scheinen auf mehrere Arten zu profitieren. Sie verdienen ex post mehr als die Manager aus der Vergleichsgruppe, vor allem weil sie während der Zeit des Kartells aggressiv ihre Aktienoptionen ausüben, die aufgrund der durch die Kartelltätigkeit erhöhten Preise natürlich an Wert gewinnen. Auch ihre Cashboni sind höher, weil sie oft an den Gewinn des Unternehmens gekoppelt sind - und der ist in der Kartellperiode größer. Sie haben auch sicherere Jobs. Ihre CEOs wechseln nicht so häufig. Ihnen wird seltener gekündigt, und sie gehen seltener aus freien Stücken.

Werden sie denn nicht bestraft? In den untersuchten Fällen gab es ja Urteile.

Schmid Die Geldbußen haben meist die Unternehmen gezahlt, nicht die Manager. Falls überhaupt jemand zur Rechenschaft gezogen wird: In unserer Stichprobe wurde nur in jedem siebten aufgeflogenen Kartellunternehmen auch ein Manager persönlich belangt. Eine andere Studie hat zudem gezeigt, dass mehr als 50 Prozent der Manager, die wegen eines Kartellvergehens ins Gefängnis wanderten, hinterher wieder im gleichen Unternehmen oder in der gleichen Branche weiterarbeiteten.

Wieso kommen die Urheber so häufig ungeschoren davon?

Schmid Für die Behörden ist es schwierig, herauszufinden und nachzuweisen, welche Manager verantwortlich oder eingeweiht sind. Wenn jemand im Nachhinein belangt wird, ist das oft nicht der Drahtzieher, wie anekdotische Evidenz vermuten lässt. Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass es für Manager sehr attraktiv ist, sich einem Kartell anzuschließen. Es erhöht ihre Vergütung und verbessert oder verlängert ihre Karriere, und dies bei verhältnismäßig geringem Risiko.

Ein weiterer Grund sind die "Leniency Rules" in den USA, welche seit 1993 faktisch Kartellunternehmen, die proaktiv an die Behörden herantreten, Immunität vor Strafverfolgung zusichern. Dies betrifft nicht nur das erste Unternehmen, das ein Kartell meldet, sondern auch weitere beteiligte Unternehmen und deren Mitarbeiter. Durch diese Regeln sind mehr Kartelle aufgedeckt worden, sie haben aber auch viele Manager vor Strafen geschützt.

Was ist mit den Strafzahlungen der Unternehmen? Die müssen sich doch irgendwie negativ ausgewirkt haben.

Schmid Das sollte man meinen. Aber wenn man die Strafen, welche die Unternehmen zahlen müssen, mit dem durch die Kartelltätigkeiten zusätzlich "erwirtschafteten" Gewinn vergleicht, dann sind das lächerlich geringe Summen. Die Zahlen, die wir in unserem Datensatz haben, stammen vorwiegend aus Gerichtsunterlagen. Über alle Fälle hinweg ergibt sich eine durchschnittliche Strafe pro Kartell von weniger als 280 Millionen Dollar. Der durchschnittliche Kartellgewinn hingegen beträgt mehr als 7,8 Milliarden Dollar.

Als ich diese Zahlen zum ersten Mal gesehen habe, fand ich das ziemlich erstaunlich. Ich muss aber hinzufügen, dass die Datenlage schlecht ist. Es handelt sich um Schätzungen aus Gutachten für Gerichtsverhandlungen. Wie viel Unternehmen im Einzelfall durch die Kartelle verdient haben, lässt sich nicht seriös beziffern. Außerdem lässt diese rein monetäre Betrachtung die Kosten von Reputationsverlusten außer Acht. Diese können erheblich sein.

Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 4/2020


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    Ingmar Höhmann ist leitender Redakteur des Harvard Business Managers.
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