"Ich habe mit dem Teufel einen Pakt geschlossen"

Fünf Minuten mit ... Philippe Starck:

Heft 6/2013

HBM: Herr Starck, was ist das Erfolgsrezept Ihrer ungeheuren Produktivität?

Starck: Ich bin eine Art moderner Mönch. Meine Frau und ich haben eine ganze Reihe von abgeschieden liegenden Hütten, in denen wir uns abschotten können. Zwischen dem 15. Juni und 15. September ziehe ich mich vollkommen zurück und arbeite von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. Manchmal folge ich auch meinem ganz eigenen Biorhythmus: Ich arbeite drei Stunden, schlafe 45 Minuten, arbeite drei Stunden, schlafe 45 Minuten - und das 24 Stunden lang, ohne irgendetwas zu essen. Ich weiß, das klingt ein bisschen krank, wie bei Doktor Faustus: Ich habe mit dem Teufel einen Pakt geschlossen und mein Leben verkauft, um kreativ zu sein.

Philippe Starck: Der französische Stardesigner behauptet, dass er für den Entwurf eines Stuhls zwei Minuten, für die Skizze eines kompletten Hotels nicht mehr als anderthalb Tage braucht. Bekannt wurde Starck, als er 1982 die Privaträume des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand im Élysée-Palast gestaltete. Starck gilt als Besessener: Er hat Tausende von Produkten, Möbeln und Gebäude entworfen.
Bisson / JDD / Sipa

Philippe Starck: Der französische Stardesigner behauptet, dass er für den Entwurf eines Stuhls zwei Minuten, für die Skizze eines kompletten Hotels nicht mehr als anderthalb Tage braucht. Bekannt wurde Starck, als er 1982 die Privaträume des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand im Élysée-Palast gestaltete. Starck gilt als Besessener: Er hat Tausende von Produkten, Möbeln und Gebäude entworfen.

HBM: Um derart viel zu schaffen, müssen Sie sicher etliches delegieren ...

Starck: Ich delegiere nicht. Meine Entwürfe sind sehr präzise ausgearbeitet. Wenn mein Team ein Projekt übernimmt, geht es nur noch darum, es auszuarbeiten, also etwa einen Entwurf zu digitalisieren - ich arbeite nur mit Papier und Stift - oder den Prototyp herzustellen. Und wenn ich den Prototyp zu Gesicht bekomme, checke ich wieder jedes Detail. Ich bin ein Kontrollfreak. Ich habe nur wenige Mitarbeiter, wir sind ein Nanoteam. Ich bin ein Verfechter der größtmöglichen Reduktion. Einige Menschen arbeiten seit 30 Jahren bei mir, ausgewählt habe ich sie rein intuitiv. Vielleicht hatten sie keine Erfahrung im Designbereich, aber sie verfügen über Intelligenz, Eleganz und Ehrlichkeit. Nach sechs oder sieben Jahren können sie in der Regel genauso präzise und effizient arbeiten wie ich.

HBM: Welche Eigenschaften sind Ihnen bei Ihren Auftraggebern wichtig?

Starck: Zuallererst: Ihre Haltung. Ich habe bereits vor 30 Jahren - ethische Fragen waren damals noch nicht in Mode - entschieden, dass ich nicht für die Themen Waffen, Alkohol, Zigaretten, Tabak, Glücksspiel und nicht für Ölunternehmen und Religionsgemeinschaften arbeiten würde. So klar Position zu beziehen ist nicht einfach - zumal die Gruppe groß ist und ihr viele Menschen mit Geld angehören. Aber ich will mich nicht ändern. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass ein Projekt einen guten Zweck hat - und zwar nicht für mich oder meinen Kunden, sondern für die Konsumenten. Ich bin überzeugt, dass man Erfolg hat, wenn man den Menschen Nutzen bringen will. Und zuletzt muss ich mich in meinen Kunden verlieben. Es ist doch so: Schöne Kinder haben Eltern, die sich lieben.

HBM: Was war in der Zusammenarbeit mit Unternehmen Ihr größter Frust?

Starck: Wenn es dazu kam, dass zwischen Vertragsschluss und Fertigstellung des Produkts mein Ansprechpartner zweimal wechselte. Ganz am Anfang läuft alles bestens, doch dann verlässt der Geschäftsführer den Bereich, und Sie sind plötzlich allein in einem großen Fluss, und alles ist furchtbar. Die wenigen Fehlschläge in meinem Leben entstanden genau in solchen Situationen.

HBM: Am Anfang Ihrer Karriere arbeiteten Sie mit Modeschöpfer Pierre Cardin.

Starck: Ja, ich war damals 17 Jahre alt. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass wir völlig verschieden waren: Während ich eine Million Stühle für einen Dollar entwerfen wollte, wollte Cardin einen Stuhl für eine Million Dollar. Deshalb habe ich gekündigt.

Mit Philippe Starck sprach Alison Beard, Redakteurin der Harvard Business Review.

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