"Die Alternative war die Insolvenz"

Digitalisierung:

Mit Alexander Birken sprachen  Julia Wehmeier und Britta Domke
Heft 4/2019
Johannes Arlt/laif

Hand aufs Herz, Herr Birken: Ist der digitale Kulturwandel für viele Ihrer Mitarbeiter nicht eine echte Zumutung?

Birken: Die eigene Haltung zu verändern ist für Menschen immer eine Zumutung. Drei Jahre nach Beginn unseres Kulturwandelprozesses kann ich aber sagen, dass wir über diese Phase hinaus sind. Es gab eine Zeit, wo es für die Kolleginnen und Kollegen schwer zu erkennen war, dass bestehende Prozesse und Geschäftsmodelle in Zukunft keinen Bestand mehr haben, obwohl sie heute noch erfolgreich sind. Und dass grundlegende Veränderungen notwendig sind. Das war nicht schön, nicht bequem, und das war eine anspruchsvolle Zeit. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die Digitalisierung den Einzelhandel als eine der ersten Branchen erfasst hat. Deshalb begreifen unsere Mitarbeiter den Wandel schon seit vielen Jahren nicht mehr als Zumutung, sondern als große Chance. Die Digitalisierung macht eben nicht an der Eingangspforte der Otto Group halt, sondern findet überall statt - egal bei welchem Arbeitgeber man ist.

Hätte es für die Otto Group eine Alternative zur kompletten Digitalisierung gegeben?

Birken: Ja. Die Insolvenz. (lacht) Die digitale Transformation hätte uns über kurz oder lang hinweggefegt.

Wie groß war anfangs der Widerstand gegen die technischen und kulturellen Veränderungen?

Birken: Auf der technologischen Seite gab es eigentlich nie Widerstand. Wir haben schon immer sehr frühzeitig moderne Technologien eingesetzt, waren im Handel die ersten Großrechnerkunden überhaupt, haben vor Jahrzehnten große Unisys-Maschinen mit Teradata-Anwendungen angeschafft und extrem früh auf den E-Commerce gesetzt. Aber der Change-Prozess, den wir im Dezember 2015 ganz bewusst eingeleitet haben - wir nennen ihn "Kulturwandel 4.0" -, war in seiner Radikalität für viele mit Sicherheit überraschend. Da gab es ganz unterschiedliche Reaktionen, von "Endlich geht's los" über "Gucken wir uns das mal an" bis hin zu "Na ja, das ist eine Welle, die uns nicht erfassen wird". Heute, mehr als drei Jahre später, hat sich das Bild komplett geändert. Alle Unternehmen im Konzern haben erkannt, dass digitale Transformation ohne Kulturwandel schlicht nicht möglich ist.

Warum nicht?

Birken: Weil das klassische Denken und Handeln in Unternehmen von starr definierten Prozessen, Hierarchien und Silos geprägt ist. Klassische Unternehmen sind sehr stark auf Effizienz fokussiert. Aber durch die Digitalisierung und Plattformökonomie erleben wir im Einzelhandel eine tief greifende Disruption bestehender Strukturen und Prozesse. Wer darauf in einem klassisch hierarchischen Unternehmen soft reagieren will, ist schlichtweg zu langsam. Wir müssen schneller werden, vernetzter, flexibler. Wir müssen Innovation im Haus da fördern, wo sie entsteht. Nicht da, wo Macht ist.

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