Achtsam, aber lustlos

Motivation:

Heft 7/2019
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Herr Professor Hafenbrack, warum haben die Ergebnisse Sie überrascht?

Hafenbrack: Meine Koautorin Kathleen Vohs und ich hatten erwartet, dass Menschen, die meditieren, weniger Motivation an den Tag legen. Und in der Tat war ihre Motivation, statistisch gesehen, rund 10 Prozent geringer als die der Leute, die keine Achtsamkeit praktiziert hatten. Das ist alles andere als wenig.

Was uns jedoch überraschte, war, dass jene, die zur Gruppe der Achtsamen gehörten, ihre Aufgaben genauso gut erledigten wie die Kontrollgruppe - obwohl sie weniger Lust verspürt hatten. Wir führten dieses Experiment in 14 Varianten durch, und in jeder einzelnen Version erwiesen sich die Leistungen der Meditierenden als gleichwertig. In einem Fall schnitten sie sogar besser ab.

Sie waren also ohne Begeisterung bei der Sache, aber tüchtig?

Hafenbrack: Ja, und das war das Unerwartete. Wenn Sie sich die Fachliteratur über Zielorientierung ansehen, werden Sie wahrscheinlich 500 Studien finden, die eine Korrelation zwischen Motivation und Leistung belegen. Motiviertere Menschen zeigen bessere Leistungen und umgekehrt. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Motivation und Leistung nicht in die gleiche Richtung gehen. Das ist einfach seltsam.

Wie kam es zu diesem Widerspruch?

Hafenbrack: Die Meditierenden waren weniger zukunftsorientiert und entspannter, damit auch weniger motiviert - was ihre Leistung hätte trüben sollen. Zugleich aber waren einige Elemente dessen, was sie erlebten, der Leistung zuträglich. Vor allem die Tatsache, dass Meditieren sie für eine Weile Stress, Verpflichtungen und Sorgen vergessen ließ, half ihnen, sich besser auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Bezüglich der Leistung schien es so, als glichen sich der negative Effekt einer geringeren Motivation und der positive Effekt einer stärkeren Fokussierung auf die Aufgabe aus.

Vielleicht ist die Motivation ja gesunken, weil diese Personen keine Erfahrung mit Meditation hatten?

Hafenbrack: Es trifft zu, dass dieser Befund auf einer einzigen Meditationssitzung basiert. Ich weiß nicht, ob unsere Probanden bereits Erfahrung mit Meditation hatten oder nicht. Man kann sicher fragen, ob die Resultate anders ausgefallen wären, wenn es sich um erfahrene Achtsamkeitspraktiker gehandelt hätte. Doch sofern Menschen die Meditation als Mittel zur Stressbewältigung nutzen, dürften sie meiner Meinung nach so reagieren, wie wir es in unseren Studien gesehen haben.

Vielleicht hat sie die Aufgabe, die sie zu erledigen hatten, demotiviert - nicht die Tatsache, dass sie so entspannt waren.

Hafenbrack: Das ist eine weitere Frage, in der Tat. Vielleicht erkenne ich eher, dass eine Aufgabe blöd ist, wenn ich mich in einem achtsamen Zustand befinde. Das lässt sich im Labor nur schwer untersuchen, doch es könnte sich lohnen, dieser Frage einmal nachzugehen. Meine Vermutung wäre allerdings, dass der entspannte, auf die Gegenwart gerichtete Zustand, der sich durch das Meditieren einstellt, die Motivation auch in diesem Fall noch verringert.

Was hat Sie eigentlich dazu veranlasst, der Achtsamkeitsbewegung in die Parade zu fahren?

Hafenbrack: Nun, ich habe nichts gegen Achtsamkeit. Doch die Forschung zu Achtsamkeit und Meditation ist geradezu unfassbar positiv. Unter Tausenden von Artikeln habe ich vielleicht fünf gefunden, die ihren Nutzen infrage stellen. Als Forscher und Mensch fällt es mir einfach schwer zu glauben, dass irgendetwas stets so positiv sein kann. Ich fragte mich also: Was ist hier los? Ist vielleicht auch etwas verkehrt daran, sich stärker auf die Gegenwart zu konzentrieren? Das war die Idee, und unsere erste Studie stellte genau das fest. Was wir allerdings nicht vorausgesehen hatten, war dieser zweite Teil: dass es keine Leistungseinbußen gab.


Das vollständige Interview finden Sie im aktuellen Harvard Business Manager.

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