"Mut ist wieder in"

Spezial Mut:

Von Manuela Rousseau
13. Januar 2020

Mut ist die andere Seite von Angst. Und Angst fühlen wir häufig vor Ungewissheiten. Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben schon vor Bergen stand und dachte: Puh, das ist viel zu hoch, viel zu anstrengend. Dieses innere Nein ist so tief verankert, dass ich mich jedes Mal wieder frage: Will ich diese Strecke gehen? Jede Entscheidung, die man trifft, hat leider auch einen Preis: meine Bequemlichkeit. Meine Komfortzone werde ich verlassen müssen, wenn ich mich zu einem Ja durchringe.

Wenn ich zurückblicke, fand ich die Entscheidung mutig, das erste Mal für den Aufsichtsrat bei Beiersdorf zu kandidieren. Ich hatte keine Erfahrung, war in keinen politischen Gremien aktiv und wurde trotzdem gefragt. Die Arbeitnehmervertreter fanden, dass es 1994 endlich Zeit für eine Frau im Aufsichtsrat war.

Mir reichte das als Begründung nicht aus, ich fragte nach weiteren Argumenten und ließ mich schließlich überzeugen. Aber es war eine lange Überlegung. Damals war Beiersdorf noch kein Dax-Konzern, dennoch war das Gremium enorm wichtig, weil es weitreichende Unternehmensentscheidungen traf, etwa über die Berufung von Vorständen oder über große Investitionen. Ich musste die Entscheidung gut überdenken.

Im ersten Versuch klappte es nicht. Ich scheiterte und war tief getroffen. Das Wahlergebnis war gar nicht schlecht, aber ich hatte eben nicht gewonnen. Umso mehr Mut erforderte es, bei der nächsten Wahl wieder anzutreten. Ohne Mut machende Kollegen, die gesagt haben, "Du hast doch jetzt die Erfahrung. Das war doch toll. Vielleicht klappt es beim zweiten Mal", hätte ich es wohl nicht gewagt.

Ich glaube, wir - und besonders Frauen - brauchen noch oft Ermutigung. Es stärkt uns, wenn andere sagen: Wir glauben an dich, wir unterstützen dich. So ein kleiner Schubser aus dem Umfeld ist ungemein wichtig. Ich brauchte andere, die mich ermutigten. Mein Vater war so ein Mutmacher, mein Ehemann und auch mein damaliger Chef in der Presseabteilung bei Beiersdorf.

In Aufsichtsratssitzungen gibt es auch heute noch Situationen, in denen ich meinen Mut zusammennehmen muss. Ich sage es immer frei heraus, wenn ich den Eindruck gewinne, dass ich eine Entscheidung nicht treffen kann, weil mir Zusammenhänge nicht klar sind, Informationen fehlen oder ich das Thema noch nicht komplett verstanden habe. Man kann nicht zu allen Themen alles wissen. Wenn ich diese Wissenslücke ausspreche, dann schauen in der Runde aus Vorständen und Aufsichtsräten alle auf mich, und ich hoffe dann, ich bin nicht die Einzige im Raum, die mehr Informationen benötigt. Aber es dauert nicht lange, bis einer sagt: Das geht mir genauso, lassen Sie uns einen Experten hinzuziehen. Aber in den meisten Fällen mache ich den Anfang.

Der Aufsichtsratsvorsitzende hat schon mal zu mir gesagt: "Frau Rousseau, Sie sind in diesem Punkt immer konsequent, das ist nicht selbstverständlich, sondern mutig." Ich mache das nicht, weil ich mich besonders mutig fühlen möchte, sondern weil ich überzeugt bin, nur dann eine gute Entscheidung treffen und meiner Verantwortung gerecht werden zu können.

Ich bekomme seit Erscheinen meines Buches viele Briefe, in denen Frauen mir schreiben, dass meine Worte sie ermutigt haben. Ein langer, handgeschriebener Brief hat mich besonders berührt. Er endet mit dem Satz: "Ihr Buch hat mir Mut gemacht. So lange habe ich damit gehadert, aber ich mache es jetzt. Ich habe meine Promotion eingereicht." Wir Frauen sind untereinander nicht solidarisch, jedenfalls nicht genug. Ich merke, dass sich etwas verändert, aber wirkliche Unterstützung, dass sich Frauen für andere Frauen stark machen, das ist noch keine Normalität.

Noch viel zu oft erlebe ich, dass man sich eher kritisch beäugt oder auch neidisch aufeinander schaut. Dabei sind Netzwerke so wichtig, wir werden durch die gegenseitige Unterstützung mutiger und wirkungsvoller. Wenn jede von uns andere qualifizierte Frauen für vakante Positionen vorschlägt, endet hoffentlich bald die pauschale Aussage, dass es die Frauen für Führungspositionen nicht gibt.

Ich engagiere mich unter anderem bei FIDAR, einer Initiative für mehr Frauen in Aufsichtsräten. Früher war ich gegen eine Frauenquote, ich wollte auf keinen Fall eine Quotenfrau sein! Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert.

Die Quote ist eine Krücke, die uns hilft, den Normalzustand von gleichberechtigter Teilhabe zu erreichen, und zwar schneller. Das kann man nachweisen. Im Aufsichtsrat gibt es die Quote seit 2015, und es funktioniert. Bei Beiersdorf waren wir vor der letzten Wahl drei Frauen, jetzt sind wir fünf. Es haben noch nie so viele Frauen kandidiert wie bei dieser Wahl zuletzt. Im Vorstand gibt es nur eine freiwillige Quote, da bewegt sich nichts. Und Unternehmen haben auch keine Hemmungen zu sagen, wir setzen die Quote null.

In mir wächst die Hoffnung, dass Mut wieder en vogue wird. Demokratie lebt vom Machen und nicht davon, sich auszuruhen, weil ja alles gerade so schön und bequem ist. Es erfordert Mut, sich aufzumachen und andere auf den Weg in eine gute Zukunft mitzunehmen - wie das die Schüler bei Fridays for Future machen. Das sind die Verbraucher von morgen, das müssen alle Unternehmen erkennen. Wir sollten alle mutig sein, die Zukunft nicht zu ignorieren, sondern aktiv zu gestalten.

Alle Antworten lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

Mut


Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Manuela Rousseau
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    Manuela Rousseau ist Aufsichtsrätin bei Beiersdorf und leitet den Bereich Corporate Social Responsibility. Sie ist Autorin des Buches "Wir brauchen Frauen, die sich trauen".
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