Ordnung muss sein

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 12/2013

Erfrischung: Hegel im Schwimmbad
Corbis

Erfrischung: Hegel im Schwimmbad

Dass die Philosophie im Alltag angekommen sei, liest man nicht nur in zunehmendem Maße, es zeigt sich auch in den inflationären Auftritten von Philosophen, die zu jedem erdenklichen Thema von der Ethik im Management bis zum Personalwesen ihre Kompilationen von Platon bis Foucault zu zeitgeistigen Beratungsangeboten zusammenschrauben.

Jens Christian Rabe hat diese neue Schule der Philosophie in der "Süddeutschen" kürzlich mit dem originellen Begriff "Herumgemeine" charakterisiert. Nichts dagegen zu sagen, der Markt ist da. Und verständlich zudem, denn dieses Herumgemeine ist attraktiv, weil es, wie eine Menge Rezensenten in physiologischen Metaphern jubeln, "hirngerecht" sowie "leicht verdaulich" daherkomme. Vom Kopf also direkt ... nun ja. Man brauche, schreibt einer, nun gar nicht mehr Marx und Luhmann zu lesen, um mitreden zu können.

Aber was entgeht uns nicht alles, wenn wir nicht auf die hören, die sich tief greifend mit einem Gedankenwerk, mit Diskursen, Diskussionen und Debatten von Schulen befasst haben, um dann erst in einem eigenen Ansatz sozusagen die philosophischen Teilgebiete der Pragmatik, Ethik und Ästhetik zusammenzufassen und ihre fundamentale Wirkungskraft für den Alltag nicht nur zu behaupten, sondern auch trefflich unter Beweis zu stellen.

Ehe Sie aber, verehrte Leserinnen und Leser, falsche Mutmaßungen über meinen temporären Geisteszustand anstellen, will ich versichern, dass alles in Ordnung ist. Die Prolegomena, um beim Jargon zu bleiben, beziehen sich nur auf ein Hotel in einem hügelig bis gebirgig in die Landschaft gefügten Urlaubsgebiet, in dem ich nächtigte und morgens zur Einhaltung guter Vorsätze das Hallenbad aufsuchte - allerdings zunächst einmal durch ein Schild an der Tür aufgehalten wurde: "Ein maßgeblicher und von niemandem wohl ernsthaft infrage zu stellender Grundsatz liberaler Gesellschaftsordnung ist, dass die Freiheit des einzelnen durch die absolut gleichwertigen Freiheitsrechte der anderen beschränkt wird."

Heftig, so früh am Morgen - Schopenhauer, Hegel, Kant, alles in einem kraftvollen Satz. Der durch einen weiteren ergänzt wurde und mit ihm in atemberaubender Manier die galaktische Fallhöhe vom Allgemeinen zum Besonderen überwand: "Dies berücksichtigend haben wir zur Vermeidung von Konflikten eine Badeordnung errichtet, an die wir unsere Gäste höflich bitten, sich unbedingt und strikt zu halten."

Sie werden mir glauben, dass ich nicht vom Beckenrand sprang, auch nicht sprudelnd herumkraulte, um die anderen ihren Übungen nachgehenden Badegäste nicht zu inkommodieren, sondern das Wasser in vergeistigtem Stil kontemplativ teilte. Wobei ich nach und nach zu einer erhellenden Einsicht kam: Diese Badeordnung, die sich in einem weiteren Satz an die Eltern mit Kindern wandte, "die erfahrungsgemäß noch nicht in ausreichendem Maße im objektiven Erkennen persönlicher Entfaltungsgrenzen geübt sind", konnte nur von einer Praktikantin mit den Fächern Pädagogik und Philosophie formuliert sein. Was zeigt, dass die Idee, bei der Talentsuche nicht nur auf unmittelbar betriebswirtschaftliche Fachkompetenzen zu setzen, einem Unternehmen überaus originelle Impulse bietet.

Holger Rust
Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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