Die Kunst der späten Blüte

Bücher:

Von Kevin Evers
Heft 9/2019
imago images / Westend61

Wolfgang Amadeus Mozart war ein überirdisches Genie, aber als Teenager und mit Anfang 20 musste er schuften wie ein Normalsterblicher. Obwohl er bereits ein überaus produktiver Komponist war, musste er in seiner Heimatstadt Salzburg als Hoforganist und Konzertmeister arbeiten, um über die Runden zu kommen. Unterbezahlt, unerfüllt und von seinen frustrierend durchschnittlichen Auftritten eingeengt, verspürte er den brennenden Wunsch, seiner Kunst mehr Zeit und Energie zu widmen. Genau das tat er dann auch, nach einer Zeit des Zweifels und der Überlegung. Er kündigte seine Anstellung, ließ sich in Wien nieder und begann die produktivste und kreativste Zeit seines Lebens.

Auch wenn Sie niemals Mozarts meisterhaftes Niveau erreichen werden, können Sie aber vielleicht verstehen, warum er sich so unbedingt von allen Konventionen befreien musste. Womöglich fühlt sich Ihr eigener Job für Sie an wie Malen nach Zahlen. Womöglich haben Sie alles richtig gemacht - Sie hatten hervorragende Zeugnisse, haben hart gearbeitet und eine gute, hoch bezahlte Stelle angetreten. Aber Sie sind es leid, genau wie alle anderen zu sein. Und womöglich sehnen Sie sich danach, etwas zu erreichen, das unverkennbar Ihre eigene Errungenschaft ist.

Wenn es Ihr Ziel ist, dass Ihre Arbeit Sie stärker persönlich erfüllt - indem Sie beispielsweise ein Start-up gründen oder auf einem Hobby eine ganz neue Karriere aufbauen -, dann kann es eine ganz schön respekteinflößende Aufgabe sein, einen Aktionsplan zu entwerfen. Doch einige Buchneuerscheinungen zeigen, dass Sie durchaus die Mittel, den Mut und die Zielklarheit entwickeln können, um Ihre eigene Version von Mozarts "Don Giovanni" zu schaffen.

In ihrem Buch "Aristotle's Way" beschreibt die britische Altphilologin Edith Hall die Überzeugung des griechischen Philosophen Aristoteles, dass Folgendes die Grundlage für ein gutes Leben sei: das Bewusstsein für unsere Fähigkeiten, Talente und Neigungen (Dynamis) und dass wir unsere Ressourcen dazu nutzen, das Beste aus ihnen zu machen (Energeia). Wenn Sie nicht daran arbeiten, Ihr einzigartiges Potenzial auszuschöpfen - wie Mozart es getan hat -, ist es normal, dass Sie unzufrieden sind. Wenn dies der Fall ist, sagt Aristoteles, ist es Ihre Pflicht, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Buchtipp


Edith Hall
Aristotle's Way
Bodley Head 2018, 272 Seiten, 16 Euro

Der amerikanische Philosoph John Kaag, Autor von "Hiking with Nietzsche", kann da nur zustimmen: "Das Selbst wartet nicht passiv darauf, dass wir es entdecken", schreibt er. "Individualität entsteht durch den aktiven, fortlaufenden Prozess, wie er im deutschen Verb ,werden' steckt."

Buchtipp


John Kaag
Hiking with Nietzsche
Farrar, Straus and Giroux 2018, 272 Seiten circa 16 Euro

Was genau hält Sie dann zurück? Rich Karlgaard, Herausgeber des Magazins "Forbes" und Autor von "Late Bloomers", argumentiert, dass unsere Kultur besessen ist von Leistungen in jungen Jahren, was uns davon abhält, unseren Leidenschaften nachzugehen. Anstatt einen bunten Strauß an Interessen zu pflegen, die unterschiedlichsten Dinge zu studieren und uns die Zeit zur Selbstfindung zu nehmen, werden wir nur dazu ermutigt, Tests zu bestehen, sofort eine Spezialistenlaufbahn einzuschlagen und eine sichere, stabile, gut bezahlte Karriere zu verfolgen. Daher entscheiden sich die meisten von uns für professionelle Exzellenz anstatt für persönliche Erfüllung. Oft verlieren wir uns dabei selbst.

Buchtipp


Rich Karlgaard
Late Bloomers
Currency 2019, 304 Seiten, circa 25 Euro

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© Harvard Business Manager 9/2019
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