"Manager kennen nicht alle Antworten"

CEO-Gespräch:

Von Adi Ignatius
Heft 11/2018
REUTERS

Die öffentliche Meinung von der Wall Street ist immer noch ziemlich negativ. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, das zu verbessern?

Dimon: Es ist schwer, diese Wahrnehmung zu verändern, weil Banken nun mal anders sind als andere Unternehmen. Wenn Sie in einen Walmart gehen und Geld in der Tasche haben, dann verkaufen sie dir etwas. Aber Banken müssen Menschen abweisen. Wir gewähren den Kredit nicht. Oder wir geben Ihnen zwar einen Kredit, erzählen Ihnen aber, dass Sie praktisch Ihren Erstgeborenen verkaufen müssen, um den Vertrag zu erfüllen. Jeder kennt solche Horrorgeschichten. Wir müssen unseren Job machen, unsere Kunden gut behandeln, und dann ergibt sich unser Ruf schon.

Profil
  • Der Manager
    Jamie Dimon (62) steht seit mehr als zwölf Jahren an der Spitze von JPMorgan Chase, er ist CEO und Chairman. Er hat einen MBA der Harvard Business School. Dimons Ruf nahm 2012 Schaden, als ein Händler im britischen Büro von JPMorgan eine Reihe von Derivatgeschäften machte, die zu einem Verlust von 6,2 Milliarden US-Dollar führten. In einem Brief an die Shareholder bezeichnete Dimon diese Episode als "die dümmste und peinlichste Situation, in der ich jemals war".

Hat das schlechte Ansehen der Branche Folgen?

Dimon: Ja. Teile dieser negativen Wahrnehmung haben die Banken sich während der Finanzkrise 2008 wohlverdient. Nicht alle Banken waren für das Scheitern und den Abschwung der Wirtschaft verantwortlich, aber wir wurden alle über einen Kamm geschoren: "Das sind doch alles Bonzen, die mit Steuergeldern gerettet werden mussten." Es wird eine Generation dauern, um den Ruf der Branche wiederaufzubauen.

Weitaus mehr Vermögen konzentriert sich seitdem bei nur wenigen US-Banken. Ist das okay?

Dimon: Ja, ich denke schon. Die Menschen müssen das rational sehen. In den USA ist die Bankbranche weitaus weniger konzentriert als in vielen anderen Ländern: Japan, Frankreich, Großbritannien. Wenn Sie global und diversifiziert sind, dann müssen Sie groß sein. Es ist schwer mitzuhalten, wenn Sie keine Größenvorteile haben.

Heißt das, "Too big to fail" ist ein sinnloses Konzept?

Dimon: Niemand will Banken, die zu groß zum Scheitern sind - wenn das Ergebnis des Scheiterns ist, dass die Menschen dafür bezahlen müssen oder es mit der Wirtschaft bergab geht. Einem Unternehmen sollte es aber erlaubt sein, pleitezugehen, wenn das für die Wirtschaft nicht gefährlich wird und nicht die Steuerzahler dafür aufkommen müssen.

Haben die seit der Finanzkrise eingeführten Gesetze dabei geholfen?

Dimon: Die neuen Eigenkapitalregulierungen sind gut. Heute müsste Lehman Brothers (das während der Krise von 2008 zusammenbrach - Anm. d. Red.) dreimal mehr Eigenkapital und viermal mehr Liquidität vorhalten - und wenn das Unternehmen in Schwierigkeiten geriete, würde es wahrscheinlich nicht abstürzen. Heute haben die Regulierungsbehörden einen Mechanismus, Dinge geordnet abzuwickeln, wenn eine Bank bankrottgeht. Außerdem werden die Verluste auch der Bank rückbelastet, nicht der amerikanischen Bevölkerung.

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