Vom Sammler zum Jäger

Fallstudie:

Von Veit Etzold
Heft 11/2019
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Fallstudie
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    Im Jahr 1920 führte die Harvard Business School die Case-Study-Methode ein. Dabei beschäftigen sich die Studenten mit konkreten Problemen aus dem Alltag von Unternehmen. Fallstudien gehören heute weltweit zum Standard in der Managerausbildung. In jedem Heft präsentieren wir unseren Lesern einen fiktionalisierten Fall und Lösungsvorschläge von Experten.

All doors in park!" Ralf Winter hörte die Lautsprecherdurchsage im Flugzeug, auf die alle Vielflieger konditioniert waren, und stellte sein Handy sofort wieder auf Empfang. Eine Voicemail von seiner Kollegin Christine Grönig - er tippte auf den "Play"-Button, während er beruhigt feststellte, dass das Flugzeug eine sogenannte Fingerposition hatte und er gleich ins Terminal laufen konnte.

Winter war Deutschland-Chef von East Coast Consulting (ECC), einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit Niederlassungen in der DACH-Region. Grönig war für Vertriebsmaßnahmen und Großkunden zuständig. Ursprünglich ein reiner Wirtschaftsprüfer (WP) hatte ECC sich über die Jahre zu einer respektierten Größe in der Unternehmensberatung gemausert. Das Beratungsbusiness war ein willkommenes Zusatzgeschäft, denn große Prüfungsmandate bei Mittelständlern und einigen globalen Konzernen garantierten ECC ein auskömmliches, aber kein zufriedenstellendes Einkommen.

"Hi Ralf, Christine hier am Freitagmittag, 12.15 Uhr", hörte er die vertraute Stimme seiner Kollegin auf der Mailbox. "Du, leider keine gute Nachricht. Was wir schon befürchtet haben, ist eingetreten. Die BWG ist weg. Melde dich bitte!"

Winter ließ das Handy sinken und schaute auf das Schild vor sich: "Lufthansa Business Class" stand dort. Innerdeutsch Business Class zu fliegen war bei ECC zwar längst die Ausnahme. "Aber wer weiß", dachte er, "vielleicht ist es damit bald ganz vorbei, wenn uns jetzt die Großkunden wegbrechen."

"Das Ganze kommt früher als erwartet", dachte Winter, als er später im Taxi auf dem Weg ins Büro durch die E-Mails auf seinem Smartphone scrollte. Eben hatte er Grönig angerufen und sich für 13.30 Uhr mit ihr in der Zentrale verabredet. 2014 war die sogenannte "EU Audit Reform" beschlossen worden. Der Name klang harmlos, das Gesetz führte aber dazu, dass Großunternehmen ihre Wirtschaftsprüfer nach einer gewissen Zeit wechseln mussten. Erst hatte in den WP-Gesellschaften niemand diese Regelung allzu ernst genommen, denn die Zeit, bis die ersten Mandanten notgedrungen wechseln mussten, schien noch weit in der Zukunft zu liegen. Doch mit dem Verlust einiger kleiner Mandate waren die Einschläge zuletzt näher gekommen, und der Wegfall des Großkunden BWG Bank traf ECC besonders hart. Wenn auch die Beratung durch ECC einen deutlich attraktiveren Tagessatz bot, brachte ein Audit-Auftrag, wie man ihn intern nannte, durch die schiere Anzahl an beteiligten Prüfern ein wesentlich höheres und vor allem auch planbares Volumen ein.

Ausgabe 11/2019


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© Harvard Business Manager 11/2019
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