Ein Grund für die Kündigung?

Fallstudie:

Von Bronwyn Fryer
Heft 3/2020
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Fallstudie
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    Im Jahr 1920 führte die Harvard Business School die Case-Study-Methode ein. Dabei beschäftigen sich die Studenten mit konkreten Problemen aus dem Alltag von Unternehmen. Fallstudien gehören heute weltweit zum Standard in der Managerausbildung. In jedem Heft präsentieren wir unseren Lesern einen fiktionalisierten Fall und Lösungsvorschläge von Experten.

Programmierer Samuel Nordmann ging am Sonntagabend in sein Büro und musste zweimal hinschauen, als er seine Chefin am Schreibtisch sitzen sah. "Hallo", rief er erstaunt, als er an ihrer Tür vorbeikam, "schiebst du eine Nachtschicht?"

Ebenso überrascht, nicht allein zu sein, drehte Melanie Klein sich um und wollte antworten. Aber Nordmann war offenbar nicht auf eine Plauderei aus und bereits verschwunden. Deshalb schnappte sie sich ihren Kaffeebecher und folgte ihm zu seinem Arbeitsplatz. "Was treibst du so spät noch hier?", fragte Klein, Leiterin der Softwareentwicklung bei Lenz Grafic Solutions. "Versuchst du ein bisschen Ruhe zu finden, weit weg vom Nachwuchs?"

"Du weißt ja, wie das ist", erwiderte Nordmann, die Augen auf den Computerbildschirm geheftet, während das System hochfuhr, "demnächst ist Deadline."

Klein bemerkte Nordmanns unrasiertes Gesicht und seine verknautschte Kleidung. Offensichtlich hatte er das ganze Wochenende durchgemacht und nur in Etappen geschlafen. Sie konnte sich seine 1,95 Meter auf einer viel zu kleinen Wohnzimmercouch lebhaft vorstellen, die eine Hand auf dem Boden liegend, erschöpft, schnarchend und immer wieder aufgeschreckt von dem schreienden Baby. Sie erinnerte sich gut an die nächtlichen Koliken ihrer Tochter und vor allem an dieses Gefühl, nie wieder durchschlafen zu können.

"Ich bewundere dein Engagement, Sam", sagte Klein, "aber es gefällt mir nicht, dass dieses Projekt dir den Schlaf raubt. Ich dachte, wir wären uns Freitag alle einig gewesen: Wir liegen gut im Plan, und am Wochenende braucht niemand zu kommen." Nordmann reagierte nicht.

"Ich bin nur hier", fuhr sie fort, "um all den Papierkram aufzuarbeiten, den ich vernachlässigt habe." Sie seufzte. "Mein Mann ist mit den Kindern ins Kino gefahren. Arbeitest du an irgendetwas, bei dem ich helfen könnte?"

"Nichts Besonderes. Du kannst ruhig nach Hause gehen." Er schaute kurz hoch, dann wieder nach unten - ein bisschen verlegen, fand Klein.

Sie erwog kurz, ihrem Angebot noch mehr Nachdruck zu verleihen, entschied sich aber dagegen. Vielleicht war es besser, Nordmann in Ruhe zu lassen.

"Okay, ich glaube, ich hebe mir ein bisschen von diesem Zeug für morgen auf."

Sie wandte sich zum Gehen, kehrte jedoch noch einmal um und rief ihm durch die offene Tür zu: "Ich weiß das wirklich zu schätzen. Wenn dieses Programm erst mal fertig ist, werde ich dir und den anderen Workaholics ein paar Tage Sonderurlaub verschaffen, okay?"

Nordmanns Reaktion blieb auch diesmal aus.

Ausgabe 3/2020


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