Ein Grund für die Kündigung?

Heft 3/2020
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8. Teil: Expertin: Anja Michael

"Wenn sich Menschen in anderen Bereichen erproben, können sie sich persönlich und fachlich weiterentwickeln."

Man muss sich die Situation als Ganzes anschauen: Samuel Nordmann ist offensichtlich der beste Programmierer im Team. Er scheint loyal zu sein, wird für eine Beförderung ins Auge gefasst. Er hat seit Kindertagen Freude an der Technik, daher sind auch Computerspiele für ihn interessant. Er ist ein junger Vater, dessen Frau derzeit nicht arbeitet, und kann das Geld offensichtlich gut gebrauchen. Von Lenz Grafic Solutions, seiner Firma, kann er momentan nicht viel erwarten, weil die finanzielle Lage dort angespannt ist.

Auf den ersten Blick findet sich nur schwer ein Argument dagegen, dass er sich in dieser Situation etwas dazuverdient. Auf den zweiten Blick irritiert jedoch die Tatsache, dass er nicht frühzeitig und von sich aus seine Chefin angesprochen hat. Nordmann hat es versäumt, sie über seine Motive und Gedanken zur Aufnahme dieser zusätzlichen Arbeit zu informieren, geschweige denn um eine Genehmigung zu bitten. Selbst bei ihrer ersten Nachfrage hat er zunächst geschwiegen und sich um eine Antwort herumgedrückt. Dieses Verhalten ist seltsam.

Melanie Klein muss jetzt genau überlegen, wie sie vorgehen sollte. Zuerst muss sie die entscheidende Frage beantworten: Will sie Nordmann grundsätzlich behalten und ihm die Nebentätigkeit ermöglichen, sofern die Bedingungen dazu erfüllbar sind? Dann sollte sie sich die Beziehungsebene anschauen: Warum hat Nordmann ihr die Nebentätigkeit verschwiegen? Wie kann sie ihm künftig trauen? Und wie sieht es auf der Sachebene aus? Kann es sein, dass ihm nicht klar war, dass er eine Zustimmung brauchte? Oder gar, dass er davon ausging, dass sein Anliegen möglicherweise abgelehnt werden würde? Klein muss sich anschauen, wie die Arbeitsverträge genau gehandhabt werden, und klären, ob die Bedingungen für Nebentätigkeiten in ihrem Unternehmen erfüllt werden können. Das betrifft im Wesentlichen folgende Punkte: Tritt der- oder diejenige mit dem Unternehmen in ein Wettbewerbsverhältnis? Beeinträchtigt die Nebentätigkeit die Haupttätigkeit? Bestehen irgendwelche Interessenkonflikte? Wird das Arbeitszeitgesetz eingehalten? Ist der Datenschutz gewährleistet? Ist die Datensicherheit gewährleistet? Nordmann sollte selbstverständlich seinen privaten Rechner für seine Nebentätigkeit nutzen, denn fremde Programme auf dem Firmenrechner könnten ein Einfallstor für Schadsoftware sein.

Wenn alle rechtlichen Regelungen erfüllt sind und keine Interessenkonflikte vorliegen, könnte Melanie Klein Samuel Nordmann eine befristete Nebentätigkeit genehmigen. Das wäre meine Empfehlung an sie: die Umsetzung einfach ausprobieren, Vertrauensvorschuss geben und schauen, wie es läuft.

Wir bei Avira befürworten generell das Thema Nebentätigkeit, denn wir wollen die richtigen Mitarbeiter bekommen und auch halten. Wenn sich Menschen in anderen Bereichen erproben, können sie sich persönlich und fachlich weiterentwickeln. Davon haben beide Seiten etwas. Unsere Techniker sind gefragte Experten, die es lieben, Probleme zu lösen. Wir ermöglichen es ihnen, auch für eine Nebentätigkeit. Wir möchten Topleistung und lebenslanges Lernen, dafür geben wir Vertrauen und Gestaltungsfreiheit. Die Nebentätigkeiten sind sehr unterschiedlich und reichen vom Ehrenamt über unentgeltliche Dozenten- und Programmiertätigkeit bis hin zu bezahlter Projektarbeit.

Das Mindset eines Unternehmens ist bei dieser Frage entscheidend: Ist es misstrauisch, fürchtet es gar Schaden für die Firma? Oder basiert die Zusammenarbeit auf Vertrauen? Der Umgang mit dieser Frage kann die Beziehung zwischen Unternehmen und Angestellten nachhaltig stärken oder schwächen.

Anja Michael ist Vice President Global Human Resources beim IT-Sicherheitsunternehmen Avira, Gastprofessorin an der Universität Don Bosco (El Salvador) und stellvertretende Leiterin der Fachgruppe "Strategisches Personalmanagement" beim Bundesverband der Personalmanager.

Ausgabe 3/2020


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© Harvard Business Manager 3/2020
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