Ein Grund für die Kündigung?

Heft 3/2020
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5. Teil: Die Macherperspektive

Auf dem Weg in ihr Büro lugte Melanie Klein zu Nordmanns Arbeitsplatz hinüber. Er starrte auf seinen Monitor, offenbar völlig in seine Arbeit versunken. Klein war kurz versucht zu kontrollieren, ob wirklich der Seed-Code über den Bildschirm flimmerte, und nach dem Zwischenstand zu fragen. Aber genauso rasch verwarf sie diesen Gedanken wieder.

Später, auf der Heimfahrt von Altona an den westlichen Stadtrand der Hansestadt, geriet sie ins Grübeln. Nordmann war kein Verräter. Er war schon seit sechs Jahren bei Lenz, hatte sich hochgearbeitet und schien seine Arbeit zu lieben. Und er war beileibe nicht der erste Programmierer in der Geschichte, der sich ein Zubrot verdiente. Weshalb störte sie das also so sehr? Vielleicht, weil sie selbst so etwas nie gemacht hatte, obwohl sie ihr genügend Gelegenheiten geboten hatten?

Klein parkte ihren Wagen am Straßenrand vor ihrem Haus. Mark, ihr Mann, stand im Eingang und unterhielt sich mit David Horn, dem Architekten, den sie für den Umbau ihres Badezimmers angeheuert hatten. "Hey, Männer", rief sie ihnen zu, als sie aus dem Auto ausstieg, "kommt die Planung voran?"

"David hat gerade andere Fliesen fürs Bad vorgeschlagen", antwortete ihr Mann. "Natürlich die teuersten", grinste er. "Wie war die Arbeit?"

"Verrückt", antwortete sie und wandte sich dann an Horn: "Gestern Abend habe ich etwas im Internet entdeckt. Wussten Sie, dass der Architekt Frank Lloyd Wright einmal gefeuert wurde, weil er einer Nebentätigkeit nachging?"

David Horn nickte. "Klar, das ist bekannt. Eine dieser berühmten Fehlentscheidungen. Ich wette, sein Boss hat sich bis zum Tage seines Todes selbst in den Hintern gebissen."

Klein zuckte zusammen. "Das sagen Sie so. Ich habe gerade herausgefunden, dass mein bester Programmierer sich nebenbei ein bisschen was hinzuverdient."

Ihr Mann schaute sie fragend an. "Sam? Bist du sicher?"

"Ja", sagte Klein und zog eine Grimasse. "Oh, nicht dass ich ihn feuern will. Ich glaube, wenn man Programmierer unter sich hat, kommt das Thema Nebentätigkeiten irgendwann zwangsläufig aufs Tapet."

"Bei Architekten ist es das Gleiche. Siehe Wright", sagte Horn, und alle lachten. "Ich erinnere mich an die Zeit, als ich noch für dieses Architekturbüro in Berlin gearbeitet habe, das die Büros für das Kanzleramt gestaltete. Jeder dort hatte kleine Nebenjobs und entwarf die Villen für die Politiker in Zehlendorf oder Potsdam gleich mit."

"Hat Ihre tägliche Arbeit nicht darunter gelitten?", fragte Klein.

"Eigentlich nicht", erwiderte Horn. "In Wahrheit wurde das sogar fast von uns erwartet. So konnte die Firma ihren Architekten weniger zahlen, als uns eigentlich zustand. Und manchmal kamen die Leute auf etwas Kreatives bei diesen Projekten und brachten wieder frische Ideen ins System. Ich vermute, das Management sah das eher positiv als negativ."

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