Ein Grund für die Kündigung?

Heft 3/2020
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3. Teil: Mach deinen Job

In dem vietnamesischen Restaurant im Hamburger Schanzenviertel war ungewöhnlich wenig los. Kurz nach 17 Uhr war offenbar eine gute Zeit, um essen zu gehen. Melanie Klein und Sam Nordmann setzten sich an einen Tisch in der Nähe der Tür. Klein hatte Nordmann am Montagmorgen um ein Gespräch gebeten, und sie hatten sich auf einen Restaurantbesuch verständigt. Nachdem Nordmann die Speisekarte studiert hatte, kam Klein zur Sache: "Also Sam, was ist los?"

Nordmann starrte ein paar Sekunden ins Leere, dann lächelte er. "Zu Hause ist alles okay."

"Nein, das ist nicht der Punkt. Ich möchte gern wissen, woran du gestern Abend am Computer gearbeitet hast."

"Ach so."

Ein unbehagliches Schweigen trat ein. Nordmann zuckte verlegen mit den Schultern.

"Sieh mal, das ist nur ein ganz kleines Projekt. Keine große Sache. Ich hab dir doch mal von der Firma meines Schwagers erzählt. Das ist der, der die 3-D-Computerspiele macht. Die Firma bemüht sich gerade, dieses neue Spiel noch vor einer großen Messe herauszubringen. Sie haben mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Um ehrlich zu sein, das ist ein unglaublich cooles Spiel."

Klein schaute etwas finster und kaute auf ihren Wan Tan herum.

"Okay, nennen wir die Dinge beim Namen - du hast also einen Nebenjob." Als Nordmann nicht widersprach, wurde ihr Ton schärfer. "Hältst du das für eine gute Idee? Wir haben unser eigenes Projekt, das vielleicht kein unglaublich cooles Spiel ist, dafür aber verdammt wichtig. Ich brauche dafür dein volles Engagement."

"Hey, Melanie." Nordmann hob die Hände zum Protest. "Ich bin voll engagiert. Ich würde das nicht machen, wenn ich das Gefühl hätte, es sei am Wochenende und nachts nicht zu schaffen. Glaub mir, ich habe denen ganz offen gesagt, dass ich viel zu tun habe und dass mein Job nicht darunter leiden darf. Das ist für sie kein Problem."

Diese Sätze machten Klein nur noch wütender. Wer waren "die" eigentlich? Und warum hatte er ihr nichts davon erzählt oder sie um Erlaubnis gebeten? Klein wollte Nordmann gerade gehörig den Marsch blasen, da wandelte sich ihr Ärger in Besorgnis. Was, wenn ihr bester Programmierer plante, demnächst zu kündigen? "Und wenn die dir einen Vollzeitjob anbieten?", versuchte sie ihn aus der Reserve zu locken. "Bist du mit deiner Tätigkeit bei Lenz nicht mehr zufrieden?"

Jetzt geriet Nordmann in Wallung. "Unsinn", entgegnete er, "Anna und ich haben gerade das Baby bekommen - das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um zu einem Computerspielehersteller zu wechseln, der noch ganz am Anfang steht!" Dann schien sich Nordmann bewusst zu werden, mit wem er gerade sprach, und senkte die Stimme. "Außerdem arbeite ich gern für Lenz und natürlich auch für dich!"

Klein warf ihm einen Blick zu, dem er nicht auswich.

"Ich mache dir nichts vor", setzte er hinzu. "Es macht einfach Spaß, eine neue Herausforderung zu haben - etwas ganz anderes als das, was wir tagein, tagaus programmieren, verstehst du? Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr am Computer. Dadurch kam ich überhaupt erst in dieses Geschäft. Im Übrigen bin ich mit diesem Programmiertool ganz gut. Erinnerst du dich, wir wollten es mal ausprobieren. Ich glaube, wir könnten es ganz gut gebrauchen ..."

"Ja", fuhr Klein dazwischen, "aber ich versuche erst einmal zu verstehen, was hier vorgeht. Hast du diesen Zusatzjob übernommen, weil er mehr Spaß macht als die Arbeit bei Lenz oder weil du Geld brauchst?"

"Nun, ich bleibe nicht freiwillig von meinem Baby fern, weil ich den Kick brauche", brummte Nordmann ein wenig ärgerlich und fügte hinzu: "Vielleicht hast du es noch nicht bemerkt, aber das Leben wird nicht billiger, besonders jetzt, wo Anna nicht arbeiten kann. Schaden tut das zusätzliche Geld nicht."

Melanie Klein dachte nach. "Na schön." Sie überlegte, ob sie Nordmann von seiner Chance auf Beförderung erzählen sollte, entschied sich aber dagegen. "Tu mir bitte einen Gefallen. Konzentrier dich in den nächsten Tagen auf Seed, und zwar ausschließlich, ist das klar? Ich erwarte, dass du dich zu 100 Prozent diesem Kundenauftrag widmest. Tu nichts, was dem Programm - oder deinem eigenen Ruf - schaden könnte. Ich für meinen Teil werde niemandem etwas von deinem Nebenjob erzählen."

Nordmann blickte kurz auf und wollte widersprechen. Doch er besann sich, griff nach seiner Tasse und trank den letzten Schluck Ingwertee. "Okay, Melanie, ich sollte mich wohl bedanken."

Zurück zu Hause, setzte sich Melanie Klein an ihren Laptop und startete eine Google-Recherche. "Nebenjob" tippte sie ein. Frustriert von der hohen Trefferzahl, präzisierte sie den Suchbegriff: "Entlassung wegen Nebenjob". Sie stieß auf den Fall eines Mitarbeiters des Amts für Wohnungswesen in Köln. Er hatte nebenbei ein lukratives Vermietungsgeschäft betrieben und dabei zeitweise die Ressourcen der Stadtverwaltung benutzt. Klein dachte an die leistungsstarken Computer von Lenz, die mit ihren schnellen Prozessoren zweifellos besser waren als alles, was bei Nordmann zu Hause stand. In einem anderen Fall hatte ein Berater direkt für einen Kunden seiner Firma gearbeitet - zu erheblich niedrigeren Sätzen.

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Nordmanns Fall war nicht so eindeutig. Die Firma, für die er arbeitete, war wohl kaum ein Konkurrent - abgesehen von der 3-D-Programmierung. Aber Nordmann hatte die Computer von Lenz Grafic Solutions genutzt. Sie wollte ihn keinesfalls feuern - er war zu gut, um ihn zu verlieren. Aber verdiente er jetzt noch eine Beförderung?

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