Ein Grund für die Kündigung?

Heft 3/2020
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2. Teil: Voller Einsatz

Zurück in ihrem Büro, räumte Klein die Unterlagen weg, die sie hervorgeholt hatte. Sie war im Rückstand mit ihrem Papierkram - einschließlich der jährlichen Beurteilungsbogen. Sie hatte ihrem Geschäftsführer versprochen, ihre eigene Bewertung und die Beförderungsempfehlungen für ihr Team bis Mitte der Woche vorzulegen. Einen Moment lang starrte sie aus dem Fenster. Der strahlende Vollmond stieg über den Baumwipfeln auf. "Anheimelnd, dunkel, tief die Wälder", dachte sie. Ihr fiel auch der Schluss des Gedichts von Robert Frost ein: "Doch noch nicht eingelöst, was ich versprach. Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf".

Samuel Nordmann war nicht der Einzige bei Lenz Grafic Solutions, der so lange arbeitete. Als es in den vergangenen Wochen mit der Entwicklung des Softwarecodes nicht weiterzugehen schien, hatten einige besonders Engagierte sogar im Büro übernachtet. Klein war jedoch stets nach Hause gefahren. Sie brauchte ihr Bett. Trotzdem schlief sie immer sehr unruhig, weil ihre Gedanken ständig um die Qualitätssicherung kreisten. Obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass die Programme jetzt reibungslos liefen, blieben ihre nächtlichen Angstattacken. Von der bevorstehenden Produkteinführung hing viel ab. Nicht zuletzt hoffte sie, zum Senior Vice President der Softwareentwicklung befördert zu werden.

Die Seed-Grafiksoftware von Lenz Grafic Solutions war eine Auftragsarbeit für einen Landmaschinenhersteller aus Niedersachsen, der eine neue Software zur Verwaltung und grafischen Darstellung seiner Messwerte brauchte. Dafür setzte Lenz inzwischen künstliche Intelligenz ein - für den Kunden würden sich die Arbeitsprozesse damit deutlich verkürzen. Das würde ein erheblicher Wettbewerbsvorteil sein. Lenz Grafic Solutions hatte, wie fast alle anderen Technologiefirmen im Norden, in den vergangenen beiden Jahren Verluste eingefahren. Die Nischenstellung hatte sich jedoch als Rettungsanker erwiesen. Mit seinen einzigartigen Grafikprogrammen für die Landwirtschaft und für mittelständische Betriebe konnte sich das Hamburger Unternehmen behaupten, trotz des anhaltenden finanziellen Drucks. Derzeit waren keine Neueinstellungen drin, deswegen mussten alle sehr viel arbeiten, um das neue Programm rechtzeitig fertig zu bekommen.

Melanie Klein füllte rasch die ersten Bewertungsbogen aus und widmete sich dann der Gruppenmanagerposition. Sie neigte dazu, diesen wichtigen Posten Sam Nordmann zu übertragen. Verdiente er die Beförderung wirklich eher als der andere interne Kandidat, Tom Herzer? Sie holte die Eigenbewertungen von Nordmann und Herzer hervor und legte sie nebeneinander. Zunächst überflog sie die Leistungen von Herzer: "Entdeckte selbst 23 Fehler und beseitigte sie. Arbeitete eng mit den Qualitätstestern zusammen. Leitete das Testteam erfolgreich."

Sie lehnte sich zurück und schaute wieder hinaus. Zweifellos war Herzer sehr fähig und arbeitete hart. Er kam als Erster, ging als Letzter und aß meist im Büro zu Mittag. Er hatte gute Vorschläge gemacht, um aus der neuen Produktversion das Optimum herauszuholen. Nicht zuletzt deshalb versprach Seed besser zu werden als alle Konkurrenzprodukte. Herzer ging in seiner Arbeit auf und engagierte sich für den Erfolg des Unternehmens.

Dann studierte sie Nordmanns Beurteilung. "Schloss die Betatests vorzeitig erfolgreich ab. Leitete eine Gruppe von fünf Programmierern." Sie lächelte. Keine Übertreibung. In den vergangenen Monaten hatte er brillante Einfälle gehabt. Er hatte kreative Lösungen für schwierige Probleme gefunden. Er strahlte außerdem Energie und Enthusiasmus aus. Und selbst nach der Geburt seiner Tochter hatte er seinen bewundernswerten Elan und Humor behalten. Melanie Klein mochte Sam Nordmann mehr als Tom Herzer.

Nachdem sie sich praktisch entschieden hatte, stopfte sie die Akten in ihre Tasche. Bevor sie ging, wollte sie noch einmal bei Nordmann vorbeischauen, um ihm zumindest moralische Unterstützung anzubieten. Als sie in der Tür stand, saß er mit krummem Rücken über der Tastatur - er hatte sie nicht kommen hören. Über seiner Schulter sah sie auf dem Bildschirm seltsame Bilder: In einem Tunnel kämpften sich bizarre Gestalten mit einer Art Panzerfaust in der Hand voran. Plötzlich hielt Nordmann die Bildsequenz an, wechselte in ein Programmierfenster und tippte dort eine Zeile ein. Er arbeitete gar nicht an Seed! Er programmierte ein Computerspiel.

Ausgabe 3/2020


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