"Headhunter haben hier Schwierigkeiten"

Personal:

Ein Interview von Julia Wehmeier
25. Oktober 2019
Gunther Olesch, Geschäftsführer Personal bei Phoenix Contact
Andre Koeller

Gunther Olesch, Geschäftsführer Personal bei Phoenix Contact

Herr Olesch, Ihr Unternehmen leidet nicht wie viele andere unter dem Fachkräftemangel. Wie schaffen Sie das?

Olesch: Wir haben bei Kununu und anderen Plattformen zur Arbeitgeberbewertung sehr gute Noten als Industrieunternehmen, daran orientieren sich Bewerber. Wir bekommen in der Spitzenzeit mehr als 1000 Bewerbungen im Monat, obwohl wir in Blomberg in Ostwestfalen sitzen, das ist wirklich nicht sehr zentral. Aber die Menschen kommen bewusst zu uns, obwohl sie auch in München, Berlin oder Hamburg arbeiten könnten. Denn vielen ist es wichtig, dass auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird und sie nicht nur eine Nummer im Großkonzern sind; das gilt insbesondere für Menschen der Generation Y oder Z.

Wie finden Sie denn heraus, was die Mitarbeiter wollen?

Olesch: Wir führen alle zwei Jahre weltweit eine umfangreiche Mitarbeiterbefragung durch. Das ist ein Katalog von 50 Fragen, die Mitarbeiter antworten per Mausklick in ihrer Landessprache, in Korea auf Koreanisch, in Brasilien auf Portugiesisch.

Sind die Anforderungen überall im Unternehmen gleich?

Olesch: Nein, die unterscheiden sich sogar von Abteilung zu Abteilung. In Abteilung A möchte vielleicht jemand mehr in die strategischen Ziele des Unternehmens eingebunden sein, in Abteilung B mehr Feedback bekommen, andere wollen mehr Gesundheitsmanagement. Grundsätzlich beobachten wir aber, dass Wertschätzung ganz oben auf der Liste steht. An zweiter Stelle liegt Sinnhaftigkeit der Arbeit, an dritter Work-Life-Balance.

Wie wählen Sie aus, was Sie umsetzen?

Olesch: Die Vorgesetzten sollen primär auf die drei wichtigsten Punkte in ihrem Team eingehen. Das heißt, jeder Vorgesetzte wird nach einer Befragung verpflichtet, sich mit seinen Mitarbeitenden zusammenzusetzen und diese Liste durchzugehen. So merken sie, dass auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Es ist Aufgabe der Führungskräfte, sich an den Bedürfnissen der Beschäftigten zu orientieren. Bei leitenden Führungskräften gibt es eine variable Vergütung, in der neben Umsatz- und Gewinnzielen auch die Beurteilung der Mitarbeitenden eine Rolle spielt. Viele Unternehmen rühmen sich damit, dass bei ihnen die Mitarbeitenden im Mittelpunkt stehen - und bezahlen ihre Manager dann doch nur nach Umsatz und Ertrag. Wo stehen denn da bitte die Mitarbeitenden im Mittelpunkt?

Viele verstehen unter New Work offene Büros und flexible Arbeitszeiten. Gibt es das bei Ihnen auch?

Olesch: Ganz ehrlich, diese Diskussion halte ich für nicht umfassend genug. Deutschland ist ein Industriestandort, kein reiner Büroarbeitsplatzstandort. Und Industrie heißt Dreischichtsystem. Diese Mitarbeitenden werden bei dem Konzept gar nicht berücksichtigt. Eine Maschine, die bei uns zehn Tonnen wiegt, kann niemand mit ins Homeoffice nehmen. Wir dürfen die Arbeiter nicht vergessen beim Thema Flexibilität. Für die müssen wir auch Rahmenbedingungen schaffen, das heißt Arbeitsplätze, wo sie sich auch mal zurückziehen können. Eine Arbeitsgruppe, die feststellt, dass eine Maschine häufiger steht, braucht separate Räumlichkeiten, um in Ruhe darüber diskutieren zu können. Dort müssen wir noch viel mehr ansetzen. Wir haben in vielen Bereichen Gleitzeit, und natürlich gibt es die Möglichkeit, auch mal eine Stunde später zu kommen. Aber dann muss ich organisieren, wer die Stunde übernimmt, damit die Maschine nicht stillsteht. Wer in der Autoindustrie in der Produktion im Akkord arbeitet, kann auch nicht einfach mal zum Kickertisch gehen.

Und führt das auch dazu, dass die Mitarbeiter länger bei Ihnen bleiben?

Olesch: Unsere Fluktuation ist sehr niedrig, sie liegt bei 0,8 Prozent. Hier rufen viele Headhunter an, die aber Schwierigkeiten haben, die Mitarbeitenden abzuwerben. Das gilt auch für mich. Ich bin damals für fünf Jahre gekommen, mittlerweile sind es mehr als 30. Ich bekomme auch Anrufe, mit teilweise sehr guten Angeboten. Aber warum sollte ich hier weg? Es macht mir einfach viel Freude, hier zu arbeiten.

Das Interview bezieht sich auf die Studie "Unterschätzt oder aufgebauscht - Wie deutsche Führungskräfte auf den Fachkräftemangel blicken und wie sie ihn angehen", Hays, September 2019. Einen Bericht dazu finden Sie im aktuellen Harvard Business Manager.

Ausgabe 11/2019


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Julia Wehmeier
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    Julia Wehmeier ist Redakteurin beim Harvard Business Manager.
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