"Mut heißt, Chancen zu ergreifen"

Spezial Mut:

Von Julie Linn Teigland
9. Januar 2020
Ernst & Young

Mut ist in meinen Augen eine andere Definition von Handeln. Und jede Handlung sollte gut überlegt sein, erst dann ist sie auch mutig. Wenn zum Beispiel ein Sportler wie Sven Hannawald auf der Skisprungschanze steht, ist das mutig, weil er sich vorbereitet und alles wohlüberlegt hat. Zu springen ohne die nötige Vorbereitung wäre Leichtsinn, nicht aber Mut.

Natürlich ist es vermeintlich leichter oder gar sicherer, nicht zu handeln. Jede Aktion oder Entscheidung kann totdiskutiert werden, oft genug gibt es mehr Gründe gegen etwas als für etwas. Aber dadurch bewegt sich nichts. So geht niemand Risiken ein, niemand erhält eine Chance. Und wenn etwas in Bewegung kommt, braucht es das Bewusstsein, dass man nicht alles kontrollieren kann. Deswegen benötigt man Mut. Wenn Hannawald nach seinem Training auf der Schanze steht und plötzlich kommt starker Wind auf, springt er trotzdem.

Ich persönlich glaube, dass jeder im Geschäftsleben mutig sein muss; es ist unabdingbar, wenn man Erfolg haben will. Ich habe zum Beispiel in meiner Karriere einige Schritte unternommen, in denen Mut nötig war: der Umzug aus den USA nach Berlin, der Wechsel von der Steuerprüfung in die Wirtschaftsprüfung und schließlich ins Management oder mitunter auch das Kundtun der eigenen Meinung, auch wenn sie nicht immer gern gehört wird. Meine Erfahrungen damit sind in der Summe positiv, denn wenn ich nichts riskiere, kann ich auch nichts gewinnen.

Diese Einstellung habe ich von meinen Eltern. Beide sind in Kanada aufgewachsen und in den späten 70er Jahren in die USA umgezogen. Meine Mutter - gelernte Friseurin, vier Kinder - ist nach dem vierten Kind wieder an die Universität gegangen und hat ihr Diplom als Ingenieurin gemacht. Danach ist sie bei einem großen Konzern in Detroit als Ingenieurin eingestiegen - eine der wenigen Frauen in dieser Branche. Ich finde das sehr mutig, für mich ist sie eine Heldin: Zu dieser Zeit gab es kaum Frauen, die einen solchen Weg gegangen sind.

Mut kann man schwer einstudieren oder lernen, aber man kann sich vorbereiten, mit etwas Kleinem anfangen, sich vorwagen. Die Erfahrung ist letztlich das, was zählt. Und Vorbilder helfen dabei, denn sie inspirieren uns zum Handeln. Meine Mutter war ein Vorbild für mich, mein Mantra lautete: "Wenn sie das schafft, kann ich es auch schaffen." Ich habe viel mit Entrepreneuren zu tun - auch für sie sind Vorbilder sehr wichtig, die sie inspirieren, ihren eigenen Weg zu gehen. Ein paar Helden, die es geschafft haben - solche Geschichten zeigen, dass Mut belohnt wird.

Die Amerikaner haben eine größere Nähe zu solchen Heldengeschichten, sie reden öfter darüber. Auch die Deutschen haben natürlich ihre Vorbilder und Helden, nur scheuen sie sich, darüber zu sprechen. Vermutlich kommt das daher, dass in den USA der Begriff "Courage" deutlich positiver besetzt ist, weil darin immer die "Chance" mitschwingt. Meiner Wahrnehmung nach verbinden wir in Deutschland das Wort "Mut" jedoch mehr mit dem Aspekt "Risiko". Daran könnte man aber arbeiten - am besten über Vorbilder.

Alle Antworten lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

Mut


Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Julie Linn Teigland
  • Copyright: Ernst & Young
    Ernst & Young
    Julie Linn Teigland ist Managing Partner der Region Europa, Mittlerer Osten, Indien und Afrika bei EY. Die gebürtige Amerikanerin lebt seit über 30 Jahren in Deutschland.
Artikel
© Harvard Business Manager 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben