Ehrlich gelogen

Ethik:

Heft 5/2020
Getty Images/EyeEm

Unser Wunsch, aufrichtig zu wirken, hält uns in der Regel vom Lügen ab. Manchmal jedoch bewirkt er das genaue Gegenteil, wie ein Forscherteam um Shoham Choshen-Hillel von der Hebrew University Jerusalem herausgefunden hat.

Die Welt der Wirtschaft sei voll von Beispielen, in denen Menschen als unehrlich gelten, weil sie die Wahrheit sagten, schreiben die Wissenschaftler - und entwerfen folgendes Szenario: Stellen Sie sich vor, Sie sind Führungskraft bei einer Unternehmensberatung, die mit einem Klienten einen Vertrag über maximal 500 abrechnungsfähige Stunden hat. Ihr Team arbeitet fleißig und gewissenhaft, um seine Aufgaben rechtzeitig zu erfüllen. Und siehe da: Die Gesamtzahl der Beraterstunden beläuft sich auf exakt 500. Würden Sie Ihrem Klienten diese Zahl ganz ehrlich nennen?

Falls Sie jetzt Nein gesagt haben, sind Sie in guter Gesellschaft. So zeigte sich in einer Studienreihe mit 1167 Teilnehmern, dass bis zu 35 Prozent der Probanden bei solchen Ergebnissen eine niedrigere Zahl angeben, als es der Wahrheit entspricht. Israelische Anwälte würden zu wenige Stunden abrechnen, Studierende würden ihre Leistung in einem akademischen Test herunterspielen, und britische wie amerikanische Arbeiter würden die Höhe der Rückerstattung, die ihr Unternehmen ihnen schuldet, zu niedrig ansetzen.

Sie würden also auf materiellen Gewinn verzichten, um ihren Ruf als ehrlicher Mensch nicht aufs Spiel zu setzen. Führungskräfte sollten daher in ihrem Bemühen, die Reputation ihres Unternehmens zu verbessern, nicht übers Ziel hinausschießen. Sonst verleiten sie womöglich ihre Mitarbeiter, unbequeme Wahrheiten zu schönen.

Weitere Meldungen zu aktuellen Studien und Trends finden Sie in der neuen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 5/2020


Stark bleiben!

Corona-Krise: Jetzt sind souveräne Führung und kluge Entscheidungen gefragt

Quelle: Shoham Choshen-Hillel et al.: "Lying to Appear Honest", Journal of Experimental Psychology, General, Januar 2020.

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