Bloß keine Wir-Botschaft

Verhaltenskodex:

Heft 5/2020
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Um Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter zu verhindern, haben sich viele Unternehmen einen Verhaltens- oder Corporate-Governance-Kodex verpasst. Die Sprache darin betont oft das Miteinander der Belegschaft: "Wir"-Botschaften sollen den Eindruck einer eng und vertrauensvoll verbundenen Gemeinschaft erwecken. Das ist gut gemeint, kann aber genau das Gegenteil bewirken, wie eine Studie aus den USA und Israel belegt. Sie zeigt, dass "Wir"-Botschaften das Fehlverhalten der Mitarbeiter eher verstärken als verringern.

Für ihre Forschung analysierten die drei Wissenschaftler die Sprache in Verhaltenskodizes von 188 Produktionsunternehmen im S&P-500-Index aus den Jahren 1990 bis 2012 und prüften, ob darin eine persönlich gehaltene Sprache vorherrschte ("Wir erwarten voneinander, dass wir uns nach den höchsten ethischen Standards verhalten") oder der Kodex unpersönlich formuliert war ("Von allen Mitarbeitern wird erwartet, dass sie sich ...").

Ihre Ergebnisse verglichen sie mit Medienberichten über illegale Vorgänge in den untersuchten Unternehmen. Dabei zeigte sich, dass Unternehmen, die in ihrem Verhaltenskodex persönliche Sprache ("Wir"-Botschaften) verwendeten, häufiger vor Gericht für illegales Verhalten verurteilt wurden als solche mit unpersönlicher Sprache.

In Folgestudien fanden die Verhaltensforscher auch den Grund dafür heraus: "Wir"-Botschaften vermitteln das Gefühl, Teil einer lässigen, hilfsbereiten und nachsichtigen Gemeinschaft zu sein, während unpersönliche Sprache den Mitarbeitern suggeriert, sie seien Teil einer Transaktionsbeziehung mit eher formellem und distanziertem Verhalten.

"Das Problem ist: Wenn wir unser Unternehmen als tolerant und nachsichtig ansehen, glauben wir, dass wir nicht so leicht für Fehlverhalten bestraft werden", schreiben die Studienautoren. Entsprechend wenig Hemmungen hätten Mitarbeiter in diesem Fall, sich unethisch zu verhalten.

Führungskräfte sollten daher die Sprache ihrer Verhaltenskodizes und internen Kommunikation prüfen und diese - falls notwendig - in einem eher unpersönlichen Sprachstil neu formulieren. So lasse sich ethisch fragwürdiges Verhalten der Mitarbeiter verringern.

Weitere Meldungen zu aktuellen Studien und Trends finden Sie in der neuen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 5/2020


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Quelle: Maryam Kouchaki et al.: "The Ethical Perils of Personal, Communal Relations: A Language Perspective", November 2019

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