"Ohne Mut geht nichts"

Spezial Mut:

Mit Claudia Roth sprach Michael O. R. Kröher
3. Januar 2020
Jakob Hoff / imago images

Frau Roth, wie haben Sie das Mutigsein erlernt?

Roth: Mein Vater hat mich schon als Kind dazu angehalten, für meine Meinung einzustehen, auch wenn mir dann der Wind mal kalt ins Gesicht bläst. "Nicht klein beigeben! Bleib dir selbst treu!" lautete seine Devise.

Wann und wie haben Sie dieses Motto dann umgesetzt?

Roth: In meinem bayerischen Gymnasium habe ich mich als Klassensprecherin für Veränderungen eingesetzt, die mir wichtig waren oder zu gerechteren Lösungen führten. Da musste ich lernen, Widerstände zu überwinden.

Erstmals richtig Mut zeigen musste ich, als mein Schuldirektor zu Zeiten des damals großmächtigen CSU-Chefs Franz-Josef Strauß von mir verlangte, einen Aufkleber der Jungdemokraten von meinem Schulranzen zu entfernen, das war damals die radikaldemokratische Jugendorganisation der FDP.

Ich fühlte mich angegriffen und verteidigte mein Recht auf freie politische Meinungsäußerung, auch wenn ich mich damit gegen die politische Gesamtstimmung gestellt habe.

Haben Sie im politischen Rahmen Vorbilder für Mut?

Roth: Hildegard Hamm-Brücher, die große Dame des Liberalismus hat mich in der damals rein männlich geprägten Welt der Politik stark beeindruckt. Sie war klug, edel, schön und vornehm; zugleich wurden ihre Politik und die Liebe zu ihrem Ehemann nicht beeinträchtigt durch dessen Mitgliedschaft in der CSU. Extrem mutig fand ich die Aktion Dutzender prominenter Frauen, die 1971 auf dem Titelblatt des Magazins "Stern" bekannten: "Wir haben abgetrieben!" Das war revolutionär, denn Abtreibung war damals strafbewehrt. Die Frauen wussten: Diese Aktion kann unsere gesamte Existenz gefährden - und sie taten es trotzdem. Schließlich dürfen bei einer politischen Sozialisierung wie der meinen die Namen linker Feministinnen wie Rosa Luxemburg oder Petra Kelly nicht fehlen.

Haben Ihnen auch Männer imponiert durch ihren Mut?

Roth: Ja, Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Gettos war eine sehr mutige Geste. Und Rio Reiser, der Sänger und Songschreiber der Rockband Ton Steine Scherben, hat in den 70ern Mut gezeigt, als er sich zu seiner Homosexualität bekannte - die damals ebenfalls noch kriminalisiert war.

Was ist im politischen Leben wichtiger: individueller Mut oder Zivilcourage?

Roth: Zivilcourage ist ein zentraler Faktor für das Funktionieren unserer Demokratie. Die lebt davon, dass Menschen sich einmischen, widersprechen, einfordern. Das kann man lernen und fördern - in der Schule, im Kindergarten, gesamtgesellschaftlich. Zugleich ist es entscheidend, dass sich jeder auch tatsächlich einsetzen kann für die Belange, die ihm wichtig sind, dass er sich organisieren und kommunizieren darf. Ohne individuellen Mut wiederum geht im politischen Leben gar nichts. Wer verändern will, erntet Gegenwind. Dem standzuhalten, wenn auch stets selbstkritisch, erfordert Mut und starken Willen.

Für viele Ihrer politischen Gegner sind Sie das personalisierte Feindbild: laut, bunt, streitbar. Über die digitalen Kanäle werden Sie täglich beschimpft, herabgesetzt, bedroht. Lutz Bachmann, ein Mitgründer der rechten Pegida-Bewegung, hat getwittert, Sie gehörten "als eine der Ersten standrechtlich erschossen". Braucht man Mut, um solchen Schmähungen und Attacken standzuhalten?

Roth: Natürlich gehen solche Angriffe nicht spurlos an mir vorbei. Das ist auch gut so, denn wer abstumpft oder sich einmauert, verliert seine politische Empfindsamkeit. Zugleich braucht es den Mut, Kurs zu halten - manchmal auch den Dialog zu suchen, wie ich das im Februar 2016 in Dresden versucht habe. Plötzlich stand ich einer brüllenden, pfeifenden, kochenden Menge gegenüber, die mich als "Volksverräterin" beleidigte.

Kann der Mutige in solchen Situationen überhaupt Nutzen erzielen oder schadet er sich grundsätzlich selbst?

Roth: Im konkreten Fall war es zwecklos. Niemand schien bereit für den Dialog. Auch halte ich es für gefährlich, Hetzern und Hassern immer wieder mediale Bühnen zu bieten. Insgesamt aber will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gesprächsbereitschaft Nutzen bringt. Und wenn ich gut drauf bin, macht es mir nichts aus, für andere das Feindbild zu sein. Ich stehe ein für die Werte unseres Grundgesetzes, die mir und der großen Mehrheit in unserem Land viel bedeuten: Meinungs- und Pressefreiheit, Weltoffenheit und Solidarität. Insofern bin ich wohl Verfassungsschützerin im eigentlichen Sinn.

Was raten Sie jungen Protestierern und Parteifreunden: Wie sollen sie am besten Zivilcourage zeigen, das Mutigsein im politischen Rahmen lernen?

Roth: Steht ein für eure Vision einer gerechten Welt und schließt Bündnisse - auch über den eigenen politischen Standpunkt und Horizont hinaus! Die enormen Herausforderungen vor uns schaffen wir nur aus einer breiten Basis heraus - und mit dem nötigen Mut!

Alle Texte und Gespräche unserer Umfrage lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

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Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Claudia Roth
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    Claudia Roth war Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und ist heute Vizepräsidentin des Bundestags. Sie wurde jüngst von einer Neonazi-Gruppe mit dem Tod bedroht.
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