Lexikon des HR-Unsinns

Buchtipp:

Von Bärbel Schwertfeger
Heft 1/2020

"Ich habe zum ersten Mal von Spiral Dynamics und der Integralen Theorie gehört, als ich auf einer Geschäftsreise in Australien war", schreibt Patrick Vermeren. "Ich wollte meinen Ohren nicht trauen und hoffte inständig, dass das niemals auch in Europa populär wird." Seine Hoffnung wurde nicht erfüllt. Die Theorie, nach der der Mensch in einer spiralförmigen Bewegung aufsteigt und zu einem idealen Lebewesen transzendiert, wurde von Frédéric Laloux nach Europa gebracht, sein Buch "Reinventing Organizations" gilt längst als Bibel für alle New-Work-Anhänger. Das Ganze sei eine naive Ideologie und eine Verleugnung moderner Wissenschaft und von allem, was man über Biologie und die menschliche Entwicklung wisse, kritisiert Vermeren.

Dass im Personalbereich gern abenteuerliche und unwissenschaftliche Theorien und Modelle angewendet werden, ist bekannt. Damit verschwenden Unternehmen nicht nur viel Geld, sie richten auch erheblichen Schaden an. Mitarbeiter werden wegen unseriöser Tests gefeuert, ihre Karriere wird durch unsinnige Assessmentcenter ausgebremst und manche verlieren ihr Selbstvertrauen.

Es ist vor allem die moralische Verantwortung, die den belgischen Berater und Coach umtreibt. Er möchte aufklären und aufrütteln. Sei kein Zuschauer, appelliert er an seine Leser: Vermeide es, anderen finanziell und psychisch zu schaden. Orientiere dich an anerkannten Experten und falle nicht auf vermeintliche Gurus oder geschickte Verkäufer herein.

In seinem Buch entlarvt er 25 Mythen, darunter Organisationsaufstellungen, NLP, den Persönlichkeitsfragebogen MBTI und den angeblichen Nutzen einer formalisierten jährlichen Leistungsbewertung. Er beschreibt 15 halb wahre oder Beinahe-Mythen wie die Überbewertung von HR-Analytics, sich selbst managende Teams oder die Positive Psychologie. Und er listet auf rund 400 Seiten in 15 Kapiteln wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse auf, wie die Orientierung an den fünf Persönlichkeitsfaktoren (Big Five) und die besten Leistungsprädiktoren beim Recruiting.

Dafür hat der Autor Theorien, Modelle und ihre Derivate wie Persönlichkeitsfragebögen anhand von zwei Kriterien bewertet: nach ihrer theoretischen Fundierung und ihrer empirischen Evidenz. Akribisch beschreibt er Forschungsergebnisse, fasst sie in einer Executive Summary zusammen und ergänzt sie in jedem Kapitel mit einem Theorie-Evidenz-Grid.

So manches Ergebnis hat ihn überrascht. Zum Beispiel, wie wenig fundierte Forschung es zu Achtsamkeit im Arbeitsalltag gibt. Sein Ziel ist, die Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis zu verringern und das vorhandene Wissen zu bündeln. Aufschlussreich und zugleich desillusionierend sind die Erklärungen über die psychologischen Mechanismen, warum Menschen auf offenkundigen Unsinn hereinfallen. Vermeren ist Realist.

Er weiß, dass es aussichtslos ist, die überzeugten Anhänger eines Mythos mit seiner Kritik zu erreichen. Auch diejenigen, die mit ihren Methoden viel Geld verdienen und andere damit bewusst in die Irre führen, wird er nicht bekehren. Seine Zielgruppe sind HR-Verantwortliche mit moralischen Standards, denen bisher fundierte Informationen fehlten. Für sie ist das Buch eine Offenbarung und ein wertvolles Nachschlagewerk.

Buchtipp

Patrick Vermeren
A Skeptic's HR Dictionary

A4SK consulting bvba 2019, 1116 Seiten, 125 Euro

Diese und weitere Buchempfehlungen finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 1/2020


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Die überraschend einfachen Regeln erfolgreicher Zusammenarbeit

Bärbel Schwertfeger
    Bärbel Schwertfeger ist Psychologin und freie Journalistin mit den Spezialgebieten Management, Personalentwicklung und Weiterbildung. Sie ist Chefredakteurin der Fachzeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell.
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