App-Nutzer fahren schlechter Auto

Feedback:

Heft 1/2020
DPA
Verteidigen Sie Ihre Forschung
  • Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers zu einem aktuellen Forschungsprojekt.

Frau Shunko, wie haben Sie herausgefunden, dass Bewertungen Menschen zu schlechteren Autofahrern machen?

Shunko: Die von uns untersuchten Fahrer hatten eine App von Raxel Telematics installiert, die Noten für Verhaltensweisen vergab wie Geschwindigkeit, Bremsverhalten, Beschleunigen und so weiter. Sie konnten nachverfolgen, wie sie bei jeder Fahrt abschnitten, und erhielten eine Gesamtnote. Wenn sie diese Bewertung sechs Monate lang über 70 Punkten hielten (von 100 möglichen), qualifizierten sie sich für einen Rabatt bei der Versicherung. Die meisten Fahrer schauten sich das Feedback nicht an. Aber als wir die Leistung derer untersuchten, die das getan hatten, stellten wir fest, dass sich das Fahrverhalten danach verschlechterte. Das soll nicht heißen, dass sich niemand verbesserte, nachdem er die Noten erhalten hatte, bei manchen traf das zu. Aber wir fanden einen Zusammenhang zwischen dem Betrachten des Feedbacks und einer Zunahme von gefährlichem Verhalten - zum Beispiel einen Anstieg von 18 Prozent bei mit zu hoher Geschwindigkeit zurückgelegter Strecke.

Aber zeigt die Forschung nicht, dass Feedback uns zu besseren Leistungen anspornt?

Shunko: Die Ergebnisse sind nicht eindeutig, und es gibt verschiedene Faktoren, die beeinflussen, ob sich Feedback positiv oder negativ auswirkt. Wir wissen zum Beispiel, dass Menschen Feedback in Bezug zu ihren Zielen setzen. Wenn Sie also etwa erfahren, dass Sie ein selbst gesetztes Ziel schon überschritten haben, werden Sie anders reagieren, als wenn Sie hören, dass Sie es verfehlen werden.

Warum haben Sie Autofahrer analysiert, die Feedback bekamen?

Shunko: Apps wie in unserer Studie sind eine moderne Art, Feedback zu geben, und werden in der Automobil- und Versicherungsbranche immer beliebter. Ziel ist es, das Fahrverhalten der Menschen zu verbessern und Straßen sicherer zu machen. Aber es ist unklar, ob sie das auch erreichen. Unsere Analyse zeigte eine höhere Varianz bei den Fahrten, die direkt nach einer Bewertung stattfanden - was darauf schließen lässt, dass Menschen als Reaktion auf das Feedback etwas verändern wollten. Und im Durchschnitt kam dabei ein gefährlicheres Fahrverhalten heraus.

Warum sollte Feedback jemanden dazu bringen, schlechter Auto zu fahren?

Shunko: Wir führen aktuell weitere Experimente durch und haben noch keine genaue Antwort auf die Frage, aber wir haben einige Theorien. Nehmen wir an, Ihr Ziel ist die Mindestpunktzahl 70, mit der Sie den Rabatt bekommen würden. Wenn Ihnen das Feedback zeigt, dass Sie es fast geschafft haben, könnte Sie das motivieren, sich weiter zu verbessern. Wenn Sie aber schon darüber liegen, vor allem wenn Sie deutlich mehr erreicht haben, lehnen Sie sich vielleicht zurück und arbeiten nicht mehr so hart daran. Das ist ein möglicher Mechanismus. Ein anderer kann sich darauf beziehen, wie weit Sie noch von Ihrem Ziel entfernt sind. Wenn Ihnen die Bewertung sagt, dass Ihnen noch 50 Punkte fehlen, erscheint das Ziel vielleicht unerreichbar und Sie geben auf.

Haben die Fahrer unterschiedlich auf positives und negatives Feedback reagiert?

Shunko: Es gab kleine Unterschiede. Die allgemeine Reaktion, egal auf welche Art von Feedback, war eine Verschlechterung des Fahrverhaltens. Nach Kritik fiel die Leistung aber nicht so stark ab. Wenn Fahrer merkten, dass sie ihr Ziel nicht erreichten, wurden sie anschließend zwar schlechter, aber nicht so dramatisch wie Teilnehmer, die ihr Ziel fast erreichten oder sogar übertrafen. Menschen, die selbst merkten, dass sie schlechter wurden, schauten zudem häufiger auf ihre Bewertung. Schlechtes Feedback scheint also mehr zu motivieren als gutes.

Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

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