"Zeit ist der kritische Faktor"

40 Jahre HBM:

Mit Andreas Pinkwart sprachen Ingmar Höhmann und Michael O. R. Kröher
Heft 10/2019
picture alliance/dpa

Herr Pinkwart, in einer früheren Landesregierung waren Sie Wissenschaftsminister, jetzt sind Sie zuständig für die Wirtschaft. Aber egal, wo Sie am Düsseldorfer Kabinettstisch Platz nehmen: Das Thema Innovation holen Sie immer in Ihr Ressort. Woher rührt das Interesse?

Pinkwart: Ich könnte mit einem Kompliment passend zu Ihrem 40. Jubiläum antworten, wonach mir schon in den 80er Jahren ein Beitrag in Ihrem Heft das Thema Innovationsmanagement nahegebracht hat. Aber es war für mich schon immer spannend zu untersuchen, wie wir auf neue Ideen kommen. Noch mehr fasziniert hat mich die Frage: Wie setzen wir sie um? Wir reden ja erst dann von erfolgreicher Innovation, wenn sich Erfindungen auch auf dem Markt ausbreiten. In meiner Diplomarbeit an der Universität Bonn habe ich mich damit beschäftigt, welche Rolle Risikokapital dabei spielt. Später habe ich mich mit Chaosforschung befasst, genauer: mit diskontinuierlichen Entwicklungsprozessen im Innovationsbereich von Unternehmen. Wir sprechen heute gern von Disruption, früher nannte es Schumpeter schöpferische Zerstörung. Davon sehen wir heute mehr und mehr, auch weil sich die Innovationszyklen in den vergangenen Jahrzehnten stark verkürzt haben. Markantestes Beispiel dürfte Kodak sein: Marktführer über Jahrzehnte, dann im Nullkommanichts ganz vom Markt verschwunden. Mit der Digitalkamera hielt eine neue Technologie Einzug, die auch das Geschäftsmodell des Unternehmens in kürzester Zeit obsolet machte.

Profil
  • Politik
    Andreas Pinkwart ist seit 2017 Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen.
    Als Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie hatte er bereits in den Nullerjahren dem Bundesland das damals fortschrittlichste Hochschulgesetz beschert.
    Der heute 59-Jährige war von 2002 bis 2010 Landesvorsitzender, von 2003 bis 2011 auch stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP.
    Sein politisches Hauptthema ist die Verbesserung der Innovationskraft durch eine effizientere Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft.

Lassen sich Disruptionen vorhersagen?

Pinkwart: Eine spannende Frage, auf die ich noch keine verlässliche Antwort sehe. Der Wirtschaft muss aber klar sein, dass sie häufiger auftreten als früher. Nicht selten wird ihre Wucht auch durch Regulierung begrenzt. Denken Sie etwa an Uber und neue Formen der Mobilität, die mit dem autonomen Fahren auf uns zukommen.

Welche Innovation hat Sie am meisten beeindruckt?

Pinkwart: Das war der Roboter Asimo des japanischen Technologiekonzerns Honda. 2007 habe ich als Wissenschaftsminister ein Forschungsinstitut für humanoide Robotik an der Universität Bielefeld mit eröffnet. Ein britischer Philosoph hielt einen Vortrag. Er verwendete ein Bild, das mich unglaublich beeindruckte: "Es ist ein Moment wie seinerzeit, als die Affen von den Bäumen kamen." Ich habe mich später, als ich wieder in die Wissenschaft zurückgekehrt war, in meinen Vorlesungen immer wieder auf dieses Beispiel berufen und die Frage aufgeworfen, was dies für uns Menschen bedeutet.

Was hat Sie an diesem Roboter so fasziniert?

Pinkwart: Ich habe meinen Studenten ein YouTube-Video vorgespielt - einen Film, in dem Honda seine ersten Versuche mit humanoider Robotik zeigt. Da läuft ein Gestell mit zwei Metallbeinchen über ein Rollband, der Kopf ist ein riesiger Fernsehapparat. Diese Figur wird von Haken festgehalten, weil sie sonst umgefallen wäre. Wenn Sie diese eigentümlichen Anfänge sehen, dann imponiert es ungemein zu sehen, wie Honda in nur 35 Jahren den Robotern das Laufen beigebracht hat. Die Fortschritte seitdem sind riesig.

Roboter gibt es in Deutschland auch, etwa in der Produktion. Asimo kann kein Auto zusammenbauen.

Pinkwart: Ja, wir sind sehr gut, was Industrieroboter angeht. Und wir verbessern ständig die Interaktion von Mensch und Maschine wie auch das maschinelle Lernen. Wir werden in den nächsten Jahren in dem Bereich Innovationen sehen, die uns vor die Frage stellen, wie die Gesellschaft 5.0 aussehen soll.

Wenn wir schon von Menschen reden - welche Person imponiert Ihnen als Innovator besonders?

Pinkwart: Als Erstes natürlich der frühere Apple-Chef Steve Jobs. Die Erfindung des Smartphones hat unglaublich viel verändert. Jobs war ein Schumpeter-Unternehmer im wahrsten Sinn des Wortes. Er glaubte an seine Ideen und setzte sie mit äußerster Kraft in kürzest möglicher Zeit durch. In Deutschland beeindruckt mich Hasso Plattner ähnlich. Er hat sich seinen Unternehmergeist bis ins stolze Alter von nunmehr 75 Jahren erhalten - und seinen unbedingten Willen zum Erfolg, gepaart mit einem enormen Durchsetzungsvermögen. Er hat vor wenigen Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender von SAP in kurzer Zeit zwei Vorstandsvorsitzende vor die Tür gesetzt, weil diese an ihrer alten Cashcow einer proprietären ERP-Software festhalten wollten, während Plattner auf das Cloud-Computing als Zukunftsmodell setzte. Damit hat er SAP in die neue Welt geführt und zudem gezeigt, dass Unternehmenseigner Disruptionen anders bewältigen können als bezahlte Vorstände.

Ist die Innovationsgeschwindigkeit wirklich so hoch, wie uns alle immer weismachen wollen? Der Managementvordenker Roger Martin sagte uns in einem Interview: "Alle Menschen in der Geschichte der Erde haben geglaubt, dass sie aktuell in der turbulentesten, sich am schnellsten verändernden und unsichersten Zeit leben."

Pinkwart: Tatsache ist, dass sich Innovationen viel schneller durchsetzen als die meisten Menschen glauben. Wenn jemand behauptet, das autonome Fahren liege noch weit in der Zukunft, empfehle ich gern eine Fahrt mit der U55 in Berlin. Dort sehen Sie Schwarz-Weiß-Bilder von Berliner Bahnhofsvorplätzen um die Zeit von 1900 bis 1915. An ihnen kann man ablesen, wie schnell Pferdekutschen motorisierten Fahrzeugen wichen, nachdem Carl Friedrich Benz 1886 sein Patent auf den ersten Motorwagen angemeldet hatte. Und nun sind wir noch ungleich schneller. Seit seiner Einführung vor zwölf Jahren ist der jährliche Verkauf von Smartphones auf weltweit über eine Milliarde Stück angewachsen. So schnell und so massiv haben sich Innovationen in der Geschichte der Menschheit noch nie verbreitet.

Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 10/2019


Wissen für Ihren Erfolg

Die besten Ideen, Methoden und Strategien - was wirklich zählt im Management

Artikel
© Harvard Business Manager 10/2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben