"Wir sollten Mut belohnen"

Spezial Mut:

Von Lea-Sophie Cramer
30. Dezember 2019
Bruno Schlenker

Für mich heißt Mut, Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn ich vielleicht Angst davor habe oder negative Konsequenzen fürchte, ich setze mich für meine Meinung, mein Unternehmen oder ein gesellschaftliches Thema ein - das ist für mich mutig. Ich bleibe nicht passiv, sondern gehe in die Aktion.

Wenn man sich umschaut, findet man überall Menschen, die mutig sind. Aktuell ist Greta Thunberg für mich eine Figur, die unfassbar mutig ist. Und gleichzeitig tritt sie mit einer Selbstverständlichkeit auf, dass man ihre Handlungen fast gar nicht mit Mut verbindet. Auch zum Beispiel der Influencer Riccardo Simonetti, der seine Reichweite dazu nutzt, um sich für Diversity einzusetzen, und über sexuell übertragbare Krankheiten aufklärt.

Zuletzt fand ich das Verhalten einer meiner Mitarbeiterinnen mutig. Sie ist zum ersten Mal in Führungsverantwortung und musste sich von einer Person in ihrem Team trennen. Das hat sie wertschätzend und ehrlich gemacht, aber trotzdem klar in der Sache. Sie hat sich nicht verstellt und nichts verschwiegen.

Mir wurde häufig gesagt, wie mutig es sei, ein Unternehmen zu gründen und dann ausgerechnet noch in dieser Branche. Rückblickend würde ich das bestätigen. Mit einer Gründung kann man scheitern, Geld verlieren, Menschen enttäuschen oder auch gesellschaftlich eine Abwertung erfahren.

Ich habe zum Beispiel früher immer gedacht: Wenn das mit Amorelie nicht klappt, kann ich mich dann noch bei einem Unternehmen wie Siemens bewerben? Oder sagen die: Mit einer, die mal versucht hat, einen hochwertigen Sexshop zu gründen, können wir nichts anfangen.

Die Branche ist schon sehr ungewöhnlich, und da als Frau eine Firma zu gründen ist in der Tat auch mutig. Häufig herrschte erst einmal langes Schweigen im Raum, wenn mein Mitgründer und ich die Idee vorgestellt haben. Wir sind da bei vielen an Grenzen in den Köpfen gestoßen. Das finde ich eigentlich ganz schön, ein wenig zu provozieren mit Themen und Produkten und auszureizen, was gesellschaftlich akzeptiert ist.

Es gab viele Situationen, vor denen ich Respekt hatte. Wir sind das erste Mal auf eine große Erotikmesse in Hannover gefahren, gleich im ersten Jahr der Gründung. Ich kannte die Branche nicht, kannte die Menschen nicht. Die meisten Firmen kommen aus dem pornoproduzierenden Gewerbe. Es sind eher ältere männliche Manager, und wir sind sehr aufgefallen. Ich musste meinen Mut zusammennehmen, da reingehen und denen zeigen, dass wir relevant sind. Denn wir wollten ja die Hersteller überzeugen, uns ihre Produkte zu verkaufen.

Im Unternehmen gab es viele Entscheidungen, die weitreichende Folgen haben. Wir sind zum Beispiel 2015 in Frankreich gestartet, das war ein großer Kraftakt, und wir haben sehr viel Geld investiert. Aber das ist für mich eine andere Kategorie. Ich kann geschäftliche Entscheidungen rational angehen, Daten und Märkte analysieren. Und mich dann entscheiden, ob ich es mache oder nicht.

Den Verkauf von Amorelie würde ich nicht als mutig bezeichnen, es war eine geschäftliche Entscheidung, die wir in Abwägung aller Umstände getroffen haben. Und es hat sich auch richtig angefühlt. Wir hatten mit ProSiebenSat.1 schon lange zusammengearbeitet, wir wussten, dass dieser Marketingkanal gut funktioniert für uns. Wir hatten ein gutes Angebot, das wir besser fanden als die anderen Angebote am Markt. Und meinem Mitgründer und mir war auch schon länger klar, dass wir aus Amorelie ein großes Unternehmen machen und alles auf Wachstum setzen wollten.

Ich finde es wichtig, Mut von anderen zu belohnen. Ich bin seit mittlerweile sechs Jahren im Verwaltungsrat von Conrad und fand es damals sehr mutig, dass Werner Conrad mich gefragt hat. Ich war eine Frau mit einem jungen Unternehmen rund ums Liebesleben, und er hat mich in sein 90 Jahre altes Familienunternehmen geholt. Das fand ich bewundernswert - und den Mut wollte ich belohnen. Das war einer der Gründe, warum ich schnell zugesagt habe.

Alle Antworten lesen Sie in unserem Spezial Mut.

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Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Lea-Sophie Cramer
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    Bruno Schlenker
    Lea-Sophie Cramer ist Mitgründerin und noch bis Ende 2019 Geschäftsführerin von Amorelie, einem Onlineerotikshop, der mittlerweile mehrheitlich zu ProSiebenSat.1 gehört. Sie ist seit 2014 im Verwaltungsrat des Elektronikhändlers Conrad.
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