"Organisationen entwickeln sich Schritt für Schritt"

Fünf Minuten mit ... Muhammad Yunus:

Heft 3/2013

HBM: Herr Yunus, über die Umstände Ihres beruflichen Rückzugs wurde viel gemunkelt, genauso wie die Ernennung Ihres Nachfolgers heiß diskutiert wurde. Was ist da passiert?

Muhammad Yunus gründete die Grameen Bank in Bangladesch, ein Mikrofinanzinstitut, das an arme Menschen Kleinstkredite zur Existenzgründung vergibt, ohne klassische Sicherheiten zu verlangen. Für diese Idee wurde der Wirtschaftsprofessor 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im März 2011 trat der damals 70-Jährige vom Posten des CEOs der Grameen Bank zurück. Grund war Druck durch die Regierung von Bangladesch.
Jared Leeds

Muhammad Yunus gründete die Grameen Bank in Bangladesch, ein Mikrofinanzinstitut, das an arme Menschen Kleinstkredite zur Existenzgründung vergibt, ohne klassische Sicherheiten zu verlangen. Für diese Idee wurde der Wirtschaftsprofessor 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im März 2011 trat der damals 70-Jährige vom Posten des CEOs der Grameen Bank zurück. Grund war Druck durch die Regierung von Bangladesch.

Yunus: Folgendes: Als ich 60 war, wollte ich das erste Mal mein Amt niederlegen. Der Board fragte daraufhin nur, warum ich das wollen würde. Als ich 70 wurde, startete ich den nächsten Versuch. Und wieder hieß es, dass ich das nicht machen könne und nicht gehen dürfe. Also wurde wieder nichts daraus. Vor zwei Jahren hieß es dann plötzlich seitens der Regierung, ich hätte bereits vor zehn Jahren in Rente gehen sollen, gleich mit Eintritt des offiziellen Rentenalters. Ich habe versucht, das anzufechten, aber das oberste Gericht hat meine Klage nicht akzeptiert. Also habe ich gekündigt.

Es geht jedoch nicht um mein persönliches Schicksal. Wichtiger ist es, die Rechte der Frauen zu schützen, die gemeinsam 97 Prozent der Anteile der Bank halten. Wenn die Regierung diese übernehmen würde, wäre das fatal: Die sich selbst organisierende Einheit, die armen Frauen Macht gegeben hat und auf der ganzen Erde bewundert wird, würde sich in eine schlecht geführte, korrupte Staatsbank verwandeln. Was für ein tragisches Ende!

HBM: Auch Mikrokredite sind in Verruf geraten. Wie sorgen Sie dafür, dass die Qualität Ihrer Organisation, auch in Boomzeiten, bestehen bleibt?

Yunus: Das Problem sind nicht die Mikrokredite selbst, sondern es ist die Tatsache, dass auch gute Ideen für falsche Zwecke genutzt werden können. Es gab in Indien in der Tat einzelne Programme, die Kleinstkredite als bloße Gelegenheit sahen, Geld zu machen. Sie haben die Dinge in den Sand gesetzt und dennoch versucht, ihre Unternehmen an die Aktienmärkte zu bringen.

Genauso haben sich einzelne Kredithaie plötzlich Mikrokreditgeber genannt. Wir bei der Grameen Bank in Bangladesch hatten solche Probleme nie, weil wir von einer Mission getrieben wurden: Wir wollen armen Menschen helfen.

HBM: Die Grameen Bank entstand als Forschungsprojekt. Warum war es wichtig, es in der Praxis auszutesten?

Yunus: Als ich noch an der Uni forschte und lehrte, blickte ich aus der Vogelperspektive auf die Welt. Als ich später in der Stadt Tür an Tür mit meinen Mitmenschen arbeitete, sah ich alles mit den Augen eines Wurms: Dadurch konnte ich Probleme in all ihren Facetten erkennen und versuchen, sie zu lösen. Sie beginnen mit den ersten 100 Personen und machen sich danach an die nächsten 100. Sie gewinnen allmählich Größe. Man entwirft nicht von Anfang an ein Modell für einen Millionenmarkt. Organisationen entwickeln sich Schritt für Schritt und starten nicht als Megakonstrukt.

HBM: Sie sind dennoch ein Mann der großen Ziele.

Yunus: Ja, weil ich überzeugt bin, dass die gesammelte kreative Kraft der Menschheit den Kampf gegen die Probleme der Welt gewinnen kann. Das Hindernis ist nur, dass wir unsere Kräfte noch nicht richtig einsetzen - wir nutzen sie, um Geld zu verdienen.

Wie kann sich das ändern? Durch soziales Unternehmertum. Wir brauchen Firmen, die unsere Welt verbessern und trotzdem wirtschaftlich effizient arbeiten - und deren Anteilseigner nicht auf die Dividende schielen.

Mit Muhammad Yunus sprach Alison Beard, Redakteurin der "Harvard Business Review".

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© Harvard Business Manager 3/2013
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