Recruiting im Jahr 2020

Personal:

Von Carsten C. Schermuly, Tobias Schröder, Jens Nachtwei und Karl Gläs
Heft 11/2012

Vorweg eine schlechte Nachricht für alle Aus-dem-Bauch-Entscheider und Anhänger des Nasenfaktors: Wer Bewerber vor allem danach auswählt, ob sie sympathisch wirken oder die gleiche Universität besucht haben wie man selbst, gehört bald zu einer aussterbenden Spezies. Die Bedeutung von unstrukturierten Jobinterviews - intuitiv geführten Gesprächen ohne Leitfaden - wird in den kommenden Jahren deutlich sinken. Das ist eines der Ergebnisse unserer empirischen Studie zur Zukunft der Personalauswahl.

Um sich strategisch auszurichten, ist es für Führungskräfte, Personalmanager und Unternehmensberater wichtig zu wissen, wie sich die Personalauswahl in Deutschland entwickeln wird. Deshalb haben wir uns in einer sogenannten Delphi-Studie diesem Thema gewidmet und plausible Szenarien und Trends ermittelt. Weiterhin untersuchten wir, welche Bedeutung verschiedene Personalauswahlinstrumente in der Zukunft haben werden.

Die Delphi-Methode ist ein mehrstufiges Expertenbefragungsverfahren. Dabei bekommen die Teilnehmer der späteren Runden die Ergebnisse der ersten Runden in anonymisierter Form vorgelegt. Durch dieses Vorgehen fallen die kollektiven Einschätzungen in der Regel präziser aus als individuelle Urteile.

Wie wir forschten

Für unsere Studie befragten wir Personalexperten in drei Delphi-Runden. In der ersten antworteten 15 Experten mit mindestens zehn Jahren einschlägiger Berufserfahrung auf qualitative Fragen zur Zukunft der Personalauswahl. Auf Basis ihrer Antworten entwickelten wir sieben Szenarien, wie sich die Personalauswahl bis zum Jahr 2020 entwickeln könnte. Anschließend folgten zwei quantitative Runden, um die qualitativen Ergebnisse abzusichern. An diesen nahmen 217 beziehungsweise 195 Personalexperten mit durchschnittlich neun Jahren Berufserfahrung teil. Diese schätzten ein, wie verbreitet ein Szenario heute ist und im Jahr 2020 sein wird.

Was hat nun unsere Studie ergeben? Zunächst einmal eine klare Rangliste der wichtigsten Personalauswahlinstrumente: Einige befinden sich offenbar auf dem absteigenden Ast, während andere stark an Bedeutung gewinnen werden. Größter Verlierer: das unstrukturierte Interview. Wie zwei von uns im Harvard Business Manager nachwiesen ("Acht Mythen über Eignungstests", siehe Hinweis unter "Service" am Ende des Beitrags), ist dieses Verfahren in deutschsprachigen Unternehmen nach wie vor das beliebteste - obwohl unstrukturierte Jobinterviews in Bezug auf späteren Berufserfolg die geringste Vorhersagegenauigkeit aufweisen.

Während diese doch recht unprofessionelle Methode bald weniger Anhänger finden wird, sind strukturierte Jobinterviews nach Meinung unserer Experten im Kommen. Dafür setzen Personalentscheider beispielsweise Fragen ein, die auf einem klaren Anforderungsprofil basieren, nutzen verhaltensbasierte Beurteilungsskalen, um Bewerber einzuschätzen, oder stellen allen Kandidaten die gleichen ausgewählten Fragen.

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© Harvard Business Manager 11/2012
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