Mythos Change-Management

Heft 5/2009

6. Teil: Scheinheilige Manager

HBM: Sie wollen Manager mit ihren Überlegungen aber nicht zur Scheinheiligkeit auffordern?

Brunsson: Es würde allgemein verbreiteten Normen widersprechen, Scheinheiligkeit zu empfehlen. Scheinheiligkeit ist aber, ob uns das gefällt oder nicht, ein allgemeines, heute allgegenwärtiges Phänomen.

HBM: Was verstehen Sie unter Scheinheiligkeit?

"Organisationen sollen viele widersprüchliche Normen erfüllen."
Stefan Borgius

"Organisationen sollen viele widersprüchliche Normen erfüllen."

Brunsson: Unternehmen sind vielen verschiedenen und widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Scheinheiligkeit ist die zwangsläufige Folge. Unternehmen sollen effizient sein und Gewinne erzielen, aber auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und das Klima schützen. Unternehmen sollen demokratisch sein und auf Diversität achten, und sie werden für gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter - und zunehmend auch für die ihrer Vertragspartner und von deren Zulieferern - zur Verantwortung gezogen.

Organisationen sollen also viele widersprüchliche Normen erfüllen. Das können sie nur, wenn sie einigen von ihnen mehr oder weniger zum Schein folgen. Und abweichend von den geltenden Normen können sie nur dann handeln, wenn sie gleichzeitig in einer Weise kommunizieren und Entscheidungen fällen, die der Norm Reverenz erweist.

Unternehmen können zum Beispiel nur dann damit fortfahren, die Umwelt zu verschmutzen und Frauen in Toppositionen zu diskriminieren, wenn sie gleichzeitig Pläne, Ziele und Programme für den Schutz der Umwelt und gegen die Diskriminierung von Frauen vorzuweisen haben, die der Öffentlichkeit plausibel machen können, wie dies in Zukunft vermieden werden soll.

HBM: Hieße das nicht letztlich doch, dass Manager lügen müssen?

Brunsson: Managern fallen diese Widersprüche nicht auf beziehungsweise sie hoffen, sie in der Zukunft lösen zu können. Sie werden in der Organisation sozusagen entkoppelt. Die Public-Relations-Abteilung kümmert sich um das Image, während sich die Linienmanager auf die alltäglichen Abläufe konzentrieren.

Angesichts der zunehmend widersprüchlichen Anforderungen ist es kein Zufall, dass seit einiger Zeit vor allem jene Einheiten wachsen, die sich mit der Kommunikation nach außen beschäftigen. Einige der externen Forderungen muss ein Unternehmen in einer Weise erfüllen, die weniger Handeln umfasst, sondern vielmehr Rhetorik oder Entscheidungen, zum Beispiel indem es langfristige Ziele präsentiert oder erklärt, welche Anforderungen es zukünftig erfüllen will.

HBM: Aber viele Manager wollen ganz ohne Scheinheiligkeit Gutes tun. Was ist falsch daran?

Brunsson: Überhaupt nichts. Ich möchte nur die Aufmerksamkeit darauf richten, dass es bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen gibt. Wir verlangen heute von Unternehmen, dass sie Aufgaben übernehmen, die früher die Kirche oder der Wohlfahrtsstaat zu erfüllen versucht haben: Sinn stiften, soziale Verantwortung, Gemeinschaft. Das Gegenmodell stammt von Milton Friedman: Unternehmen sollten Gewinne machen, sonst nichts. In unserem heutigen gesellschaftlichen Umfeld ein ziemlich unrealistischer Gedanke.

HBM: Wieso betonen dann aber derzeit so viele, dass Authentizität so wichtig ist?

Brunsson: Scheinheiligkeit funktioniert nur, wenn wir glauben, dass Organisationen nicht scheinheilig sind. Wenn wir überzeugt davon wären, dass etliche Ziele oder Mission Statements nur Zeichen von Scheinheiligkeit sind, würden nur wenige daran glauben. Und je mehr Unternehmen dazu gezwungen werden, Scheinheiligkeit zu produzieren, desto häufiger werden sie sich bemühen zu erklären, warum sie nicht scheinheilig sind.

Scheinheiligkeit ist übrigens eine wichtige Quelle für weitere Veränderungsprogramme. Scheinheiligkeit, so sie zutage tritt, muss überwunden und das Problem "gelöst" werden. Formale Veränderungen liefern hier einen Ausweg. Die Organisation zeigt auf diese Weise, dass sie bereit ist, sich den Erwartungen besser anzupassen. Eine besondere Form der Scheinheiligkeit besteht darin zu versprechen, in Zukunft nicht mehr scheinheilig zu sein.

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