Der ideale Moment für den Abschied

Von Thomas Wüllner
Heft 3/2020
Getty Images/Cavan Images RF

Es ist schon paradox: Da verwenden Führungskräfte viel Planung, Willens- und Entschlusskraft darauf, ihre Karriere voranzutreiben. Und wenn sie ihr Ziel erreicht haben, vielleicht ein paar Jahre lang erfolgreich an der Spitze standen, dann schrumpelt ihre Entschlusskraft zusammen wie ein alter Ballon - zumindest wenn es um den richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied geht. Denn die Frage danach beantworten sie mit dem immer gleichen Mantra: noch nicht.

Allzu oft erlebe ich es in meiner Funktion als Karriere- und Outplacementberater, dass gerade Topmanager zu lange an ihrer Position festhalten. Dann versäumen sie es, den Zeitpunkt ihres Abschieds frei zu wählen, ihren Neuanfang selbst anzustoßen und den Übergang aktiv zu gestalten. Und das, obwohl ihnen klar ist, dass der Abschied irgendwann unausweichlich ist, dass es einen Übergang und Neustart geben muss.

In meiner Beratungspraxis sind mir solche Führungskräfte schon häufig begegnet: Ein Manager hatte gerade erst seinen Vertrag verlängert, da wurde er überraschend abberufen. Eine Klientin berichtete mir, dass sie nach ihrem Urlaub ein verwaistes Büro vorfand. Und ein dritter Manager verpasste den entscheidenden Moment für eine externe Karriereoption, weil er seinen Wechselwunsch unbedingt noch einmal erklären wollte und dadurch in eine Rechtfertigungsschleife geriet.

Wenn ein Unternehmenschef zum Abschied erst gezwungen werden muss, spielt der über viele Jahre erarbeitete Erfolg plötzlich keine Rolle mehr. Mitunter wird dadurch sogar die persönliche Reputation beschädigt, die Karriere mangels guter Anschlusstätigkeit unterbrochen und die Motivation des geschassten Chefs angekratzt. Deshalb gehört es zur Laufbahn von Managern unweigerlich dazu, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie ein professioneller Abschied von der Macht aussehen könnte. Sie sollten sich immer bewusst sein: Kairos - in der griechischen Mythologie der Gott des richtigen Augenblicks - bietet sich oft nur für einen kurzen Moment.

Nun könnte man einwenden, dass Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen einfach dazugehören, wenn es jemand in die oberen Führungsetagen schaffen will. Schließlich ist die tiefe Überzeugung, das Richtige zu tun, ein wichtiger Baustein für den Erfolg. Diese wertvollen Eigenschaften haben aber auch eine unschöne Kehrseite: Starrsinn. Um ihn zu überwinden, braucht es ein gehöriges Maß an Selbstreflexion. Richtig gemacht - mit oder ohne Unterstützung von außen -, bringt Selbstreflexion Führungskräften oft wieder den Kontakt zu sich selbst. Sie beginnen sich zu fragen: Was ist mir wichtig im Leben? Welchen Preis bin ich bereit, dafür zu zahlen, in puncto Gesundheit, Familie, Freunde? Solche Einsichten gelingen nur durch Innehalten; aus der Bewegung heraus entsteht kein Neuanfang. Momente der Ruhe ermöglichen es uns, aufzubrechen und neue Wege zu gehen.

Ausgabe 3/2020


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