"Manche Berichte waren nur schwer zu ertragen"

Corona:

Mit Dirk Lange sprach Britta Domke
Heft 6/2020

Dirk Lange (50) ist seit Jahresbeginn Managing Director für Zentraleuropa beim US-Mischkonzern 3M mit Sitz in Neuss.

Welche Lektionen haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Lange: Ich hatte gerade erst im Januar meinen neuen Job als Managing Director von Zentraleuropa angetreten. Obwohl ich lange in unserer deutschen Gesellschaft gearbeitet hatte, musste ich mich erst wieder neu vernetzen. Auch mein Team und die über 8000 Mitarbeiter, für die ich nun verantwortlich bin, mussten sich an mich gewöhnen. Die zunehmend dramatischer werdenden Meldungen über das Coronavirus haben uns dann aber aus dem Stand heraus zusammengeschweißt.

Woher kam dieser Zusammenhalt?

Lange: Wir mussten gemeinsam funktionieren und im Sichtflug Entscheidungen treffen. Keiner wusste genau, welche Überraschungen und neuen Informationen der nächste Tag bringen würde. Das sind die Situationen, in denen wir auf wirklich gute und erfahrene Teams angewiesen sind. Die Rahmenbedingungen in großen Unternehmen wie 3M sind so komplex, da könnte ich als Managing Director ohne ein starkes Team von Spezialisten gar keine guten Entscheidungen treffen. Gerade in Krisen sind wir alle voneinander abhängig; deshalb ist es so wichtig, dass wir uns gegenseitig vertrauen. Dieses Vertrauen hat uns als Team ausgezeichnet und stark gemacht. Deshalb war es für mich selbstverständlich, alle Mitarbeiter so oft und so ehrlich wie möglich zu informieren. Nur wenn alle den gleichen Wissensstand haben, können wir als Team agieren. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich mich auch bei zukünftigen Krisen auf meine Leute verlassen kann. Das gibt viel Mut und Kraft für die Zukunft.

Was war Ihre größte Herausforderung?

Lange: 3M ist einer der weltweit größten Hersteller von persönlicher Schutzausrüstung. Und weil Schutzmasken plötzlich im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion standen, erfuhr unser Unternehmen sehr viel Aufmerksamkeit in den Medien und in der Politik. Der Bedarf an Schutzmasken überstieg bei Weitem die Produktionskapazitäten aller Hersteller. Dadurch kam es zu Exportbeschränkungen, und das ganze Thema wurde sehr emotional in der Öffentlichkeit diskutiert. So gab es Falschmeldungen und Berichte über illegale Aktivitäten, in denen es auch um unsere Schutzmasken ging. Und obwohl wir unsere Preise nicht erhöht haben, zog die enorme Nachfrage auch illegal agierende Zeitgenossen an, die sich das schnelle Geld erhoffen.

Wie wurden die negativen Berichte über Schutzmaskenhersteller in Ihrem Unternehmen aufgenommen?

Lange: Manche waren für meine Mitarbeiter und mich nur schwer zu ertragen. Besonders frustrierend war das für jene Teams, die in den 3M-Werken oder Logistikzentren Tag und Nacht bis zur Erschöpfung gearbeitet haben, um unsere Schutzprodukte dorthin zu bekommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. In dieser Situation wäre ich am liebsten zu jedem einzelnen meiner Mitarbeiter gegangen, um ihm oder ihr persönlich zu danken.

Welche Ziele haben Sie sich für die nächste Zeit gesetzt?

Lange: Zunächst einmal hoffe ich, dass unsere erkrankten Mitarbeiter schnell wieder gesund sind. Und dass wir schrittweise wieder in den normalen Betrieb hineinkommen. Vieles von dem, was uns in normalen Zeiten auszeichnet, konnten wir in den vergangenen Monaten nicht hundertprozentig machen - etwa die enge Kooperation mit unseren Kunden, auch in der Produktentwicklung. Da werden wir hoffentlich sehr bald wieder richtig Fahrt aufnehmen. Jetzt geht es erst einmal darum, den Betrieb wieder hochzufahren, wenn die Pandemie vorbei ist.

Was wollen Sie unbedingt tun, sobald die Pandemie vorüber ist?

Lange: Ich habe mir fest vorgenommen, so schnell es geht jeden einzelnen Standort von 3M in meiner Region zu besuchen - das sind mehr als 20 - und den Menschen dort persönlich zu danken. Ich will ihnen sagen, dass in den vergangenen Wochen jeder Einzelne entscheidend war, um die Krise zu bewältigen. Und dass wir auch vor zukünftigen Herausforderungen keine Angst haben müssen.

Ausgabe 6/2020


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