Konzentration aufs Kerngeschäft

Unternehmenskultur:

Von Christoph Bartmann
12. Februar 2015
Corbis

Die Prognose ist nicht gewagt: Auch im 21. Jahrhundert wird es jede Menge unattraktiver, schlecht bezahlter Jobs geben, die von einigermaßen widerwilligen Arbeitnehmern in öden Bürogebäuden erledigt werden. Wie kommt es dann, dass der Gedanke an den Arbeitsplatz - oder schöner: den "Workspace" der Zukunft - bei vielen Beteiligten geradezu manische Reaktionen auslöst? Allen Ernstes träumen Architekten, Unternehmer und nicht zuletzt wir Angestellten selbst von neuartigen Arbeitsumgebungen, in denen wir unsere Kreativität entfesseln, die Performance steigern und obendrein auch noch ein besseres Leben leben. Nicht selten entzünden sich die Workspace-Fantasien der Gegenwart am Silicon Valley, an den gewaltigen Firmenzentralen oder vielmehr "Campussen" der neuen digitalen Monopole, und ebenso an den Internet-Start-ups, die den Sprung aus dem Collegeschlafsaal in den Glaspalast noch vor sich haben - ganz so, als gäbe es in der Wirtschaft nur Marktführer und Gründer und dazwischen nichts.

Wir haben uns in Bilder vom perfekten Arbeitsplatz in der kalifornischen Halbwüste verliebt. Junge Menschen, denen der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit prähistorisch anmutet, schreiben Code, wenn ihnen gerade danach ist. Sonst lassen sie es bleiben, besuchen ihre Kinder in der Campus-Kita, nippen am Kokoswasser, das in Spendern bereitsteht, und stecken sich ein paar Edamame-Bohnen in den Mund. Was sie heute nicht besorgen, das verschieben sie auf morgen. Wenn sie auch dann und übermorgen keine Leistung bringen, werden sie wahrscheinlich gefeuert, andernfalls aber werden sie sehr, sehr reich. Warum, fragt man sich, brauchen digitale und weithin immaterielle Firmen wie Google oder Facebook eigentlich eine Firmenzentrale? Sind sie nicht die Avantgarde einer Lebensform, für die Arbeit keinen Ort mehr benötigt?

Man versteht den Sinn dieser neuen Firmensitze wahrscheinlich besser, wenn man sie weniger als Zweckarchitektur, sondern als gebaute Utopie begreift. Der digitale Campus ist die Vorstufe jener libertären schwimmenden Inseln draußen auf dem Ozean ("floating nation"), von denen Tech-Visionäre wie Peter Thiel träumen. Das Lieblingswort der digitalen Elite heißt bekanntlich disruptiv. Doch wenn wir von dieser Techno-Utopie zu unserer realen Gegenwart zurückblenden, fällt uns schnell auf, dass an unseren Büroarbeitsplätzen selten etwas disruptiv ist. Meist ist sogar das Gegenteil der Fall, wir schließen an gestern an und vermuten, dass morgen nicht ganz anders sein wird als heute. Wir arbeiten in Kontinuitäten (auch wenn uns irgendein Trainer stets den "Change" predigt) und sind damit nicht unglücklich. Entsprechend sehen unsere Arbeitsplätze aus.

Statt ständig auf die digitalen Industrien und ihre Selbstinszenierungen zu starren, wären wir besser damit beraten, die Realitäten unserer eigenen Arbeitswelt im Blick zu behalten - und niemandem zu glauben, der uns erzählt, sie müssten überwunden werden. Ganz bestimmt wird der Workspace in einem Gericht oder einem Finanzamt, einer Krankenkasse oder einer Universität auch im 21. Jahrhundert anders aussehen und von anderen Notwendigkeiten definiert sein als der eines Apple-Campus. Die ganz spezifische Kreativität aller Verantwortlichen wird darin bestehen, auch diesen - unspektakulären, aber unentbehrlichen - Arbeitswelten ein zeitgemäßes Gesicht zu geben. Vor Einseitigkeiten sollte man sich dabei hüten. Weder sollte die Tech-Industrie den neuen Standard für unser aller Arbeitsplätze setzen, noch sollten wir überhaupt der Wirtschaft die ideologische Herrschaft über den öffentlichen Sektor gestatten. Nachdem wir lange, zu lange, Trends gefolgt sind, die aus Amerika kamen und dort vielleicht sogar funktionierten, nicht aber bei uns, wünscht man sich eine Renaissance und ein neues Selbstbewusstsein der öffentlichen Institutionen - und Arbeitsplätze, die dies widerspiegeln.

Die USA haben die moderne Arbeitswelt maßgeblich miterfunden, aber sie kranken - wie Francis Fukuyama in seiner eben erschienenen, bahnbrechenden Studie über "Political Order and Political Decay" deutlich macht - an einem dysfunktionalen Staat und einer chronisch blockierten Regierung. Wie sollen die staatlichen Institutionen effizient und kompetent arbeiten, wenn die Mehrzahl der Politiker erklärte Staatsfeinde sind und ihre Hauptaufgabe darin sehen, die Regierung und mit ihr den öffentlichen Sektor zu schwächen?

Darin sind sie sich einig mit den digitalen Anarchisten im Silicon Valley: Auch ihnen ist der Staat ein Dorn im Auge. Deutschland mit seiner zwar bröckelnden, aber im Kern noch wirksamen Max-Weber-Tradition der öffentlichen Verwaltung steht vergleichsweise gut da, auch wenn der Ruf nach dem immer schlankeren Staat auch hier seine Befürworter hat. Gewiss, der Staat soll schlank sein, nicht etwa wie in Griechenland, wo die Regierung ihre Klientel mit gut bezahlten Pöstchen zu belohnen pflegte. Aber nehmen wir einmal an, dass die Mehrzahl der öffentlichen, aber auch der privatwirtschaftlich beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland eine "Disruption" (inklusive der Daueranleitung zum permanenten Change) nicht brauchen, weil sie ihre Arbeit ganz gut machen, nicht immer "optimal" (das gibt es nicht), meistens aber "good enough".

Es wäre interessant, einmal zu sehen, wie sich eine solche neoweberianische Agenda in ganz praktischen Fragen von Architektur und Arbeitsplatzgestaltung ausdrückt. Nachdem wir eine ganze Weile, mit zweifelhaftem Erfolg, "Unternehmer" und "Manager" gespielt haben, würden wir uns jetzt gern endlich zum Angestellten emanzipieren und im Büro das tun, wofür man uns eingestellt hat und was wir dort hoffentlich auch am besten können: arbeiten. Zu viel Architektur lenkt da nur ab, ebenso wie Schulungen, Motivationstrainings, Away-Days, Betriebsklimamessungen und anderes. Weder wollen wir ohne Ende "partizipieren" noch ständig nach unserem Wohlbefinden gefragt werden. Die Würde unserer Arbeit lässt sich am besten durch Konzentration aufs Kerngeschäft wiederherstellen. Packen wir's an.


Wie die Mode ist auch die Bürowelt Trends unterworfen: Einzelbüro, Action-Office, Großraum. Doch wie sieht die perfekte Arbeitsumgebung aus? Warum ist allzu viel Offenheit am Arbeitsplatz problematisch? Und wie wirkt sich Bürodesign auf die Leistung aus? Antwort geben die Autoren in unserem Januar-Schwerpunkt:

HBM 1/2015

Warum wir neue Büros brauchen


Ein Schwerpunkt über den Arbeitsplatz der Zukunft


Zum Autor
Christoph Bartmann ist Direktor des Goetheinstituts in New York. Er ist zudem Autor des Buches "Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten" (Carl Hanser).

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