Macht ist... in den Händen von Technologie-Konzernen

Umfrage:

4. Dezember 2018

Macht ist ein Prozess der Einflussnahme auf andere Menschen. Betrachtet man Macht im Zusammenhang mit Digitalisierung und neuen Technologien, erleben wir eine Machtverschiebung vom klassischen Machtmonopol - dem Staat - auf Technologiekonzerne. Denken Sie an das Jahr 2007 zurück, als Steve Jobs das erste iPhone vorstellte. Die Gesellschaft hat sich seitdem sehr verändert: Wir unterhalten uns anders, wir verabreden uns anders, wir daten uns anders - wir leben einen anderen Lifestyle, seitdem wir mobil mit Smartphones unterwegs sind.

Hat uns irgendjemand gefragt, ob wir das wollen? Haben wir das im politischen Diskurs ausdiskutiert? Natürlich nicht. Wir haben keine Debatte geführt im Sinne von "Wollen wir diese Überwachungsarchitektur in unser Leben lassen?" oder "Wollen wir mit Sensoren herumlaufen, die Daten über uns sammeln?". Wir sind nicht gefragt worden, wir haben es im rechtlichen Sinne nicht normativ legitimiert, aber alle haben mitgemacht und gesagt: "Das ist toll, dagegen haben wir nichts." Damit haben wir es soziologisch legitimiert. Und so haben die Konzerne Legitimität errungen und üben Macht aus.

Es sind Produkte entwickelt worden, um Profit mit etwas zu machen, uns einzufangen und süchtig zu machen. Wir haben ein libertäres kapitalistisches System legitimiert. So hängt Macht mit der Digitalisierung zusammen.

Ich habe kein Smartphone. Das ist meine persönliche asketische, aber auch aktivistische Haltung. Ich verzichte auf die Bequemlichkeit, habe aber nicht das Gefühl, dass ich abgehängt bin. Diese Einstellung ist aber nicht für jeden gemacht.

Einerseits will ich nicht ständig mit einer Hardware herumlaufen, die Träger für Überwachungssensorik ist, und andererseits bin ich als Technologin der Meinung, dass unser Leben aus vielen anderen Dingen besteht als Technik. Ich will diese anderen Dinge auch auskosten, ich will nicht meine Zeit mit Werbetechnologie amerikanischer Großkonzerne vergeuden. Ich möchte mich von Angesicht zu Angesicht unterhalten, meine eigenen Netzwerke pflegen und meine Freunde treffen, die ich als persönliche Freunde bezeichnen kann.

Das ist eine Grundhaltung aus einem spezifischen Wertesystem heraus. Diese Haltung steht dem neuen Wertesystem entgegen, das ein unterschiedliches Menschenbild etablieren will. Angesichts der Machtfrage ist das sehr ernst zu nehmen.

Denn man kann erkennen, dass sich das Menschenbild ändert, wenn Silicon-Valley-Unternehmen und ihre Investoren der Meinung sind, Menschen seien wie Maschinen mithilfe von Algorithmen zu steuern. Ein KI-CEO sprach sich sogar dafür aus, künstliche Intelligenz zu nutzen, um uns zu programmieren, damit wir uns besser benehmen.

Das öffnet den Raum auch für die Einflussnahme auf die Rechtsordnung, denn das Recht wird irgendwann einmal nachziehen und diese neuen Ideen implementieren.

Diese Entwicklung wäre fatal, denn sie würde bedeuten, dass wir uns vom aufgeklärten freien souveränen Menschen wegentwickeln, hin zu irgendeiner Mensch-Maschine-Unschärfe. Wir werden dann vom Subjekt zum Objekt und verlieren möglicherweise unsere Freiheit. Damit wäre unsere gesamte Rechtsordnung hinfällig, da sie auf einem Dualismus aufbaut von Objekten des täglichen Lebens, die keine Rechte haben (Straße, Haus), und Subjekten (Personen als Träger von Rechten und Rechtspflichten). Diese Rechte und Pflichten entspringen dem Gedanken der Souveränität, sie sind verankert in der Souveränität des Menschen. Ein anderes Wort dafür ist Menschenwürde: "Ich kann souverän über meine Zukunft entscheiden." Diese Souveränität darf auf keinen Fall verloren gehen.

Yvonne Hofstetter ist IT-Unternehmerin, Juristin und Sachbuchautorin. Ihr Unternehmen Teramark Technologies entwickelt Verfahren und Anwendungen von künstlicher Intelligenz für die Industrie. Sie ist Autorin des Bestsellers "Sie wissen alles" (C. Bertelsmann).

Spezial 1/2019

Macht


Was künftig über Einfluss und Erfolg entscheidet


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