Halten Sie an Ihren Führungsidealen fest

Karriere:

Von Gudrun Happich
15. Dezember 2014
Getty Images

Herr H. ist Informatiker mit langer Vertriebserfahrung. Er erhält das Angebot, bei einem internationalen Industriekonzern einen neuen Bereich aufzubauen. Der 48-Jährige beißt an. Er ist ein visionärer und engagierter Typ, der gerne in einem Unternehmen etwas bewegen möchte. Voller Elan tritt er seinen neuen Führungsjob an, doch bereits zwei Jahre später ist er völlig frustriert. Im Coaching erzählt er, wie er immer wieder an den alten Strukturen im Unternehmen gescheitert ist. Was er erlebt hat, ist der Hauptfrustfaktor vieler engagierter Führungskräfte: Während er sich inhaltlich engagierte, langfristig plante, eigenverantwortliche Teams zusammenstellte, zogen andere mit weit weniger Arbeitseinsatz an ihm vorbei. Sie haben - wie man so schön sagt - einfach mehr Wind gemacht, und waren deutlich besser vernetzt. Diese Politiker bestimmen den Kurs des Unternehmens und nicht jene, die visionär denken und über den eigenen Karriererand hinausdenken.

Weil Herr H. nicht auf die Kündigung warten wollte, zog er selbst die Notbremse und suchte nach Alternativen. Er erhielt das Angebot für die Position des Geschäftsführers eines mittelständischen IT-Consultance-Unternehmens und erzählt im Coaching über seine Eindrücke: "Dort war auf einmal alles so anders. Ich musste nicht kämpfen, ich musste keine Spielchen spielen. Die haben genau verstanden, was ich meinte, die wollten mich haben, weil ich genauso bin, wie ich bin." Der Inhaber habe ihm aufmerksam zugehört, sei begeistert von seinen modernen Ideen. Grünes Licht also für den Visionär?

Herr H. erzählte dies alles in einem äußerst irritierten Ton. Bald wurde mir klar: Der 48-Jährige hatte Angst, dass er "professionell verarscht" würde. Er ist nach vielen negativen Erfahrungen zu der Überzeugung gekommen: Die Arbeitswelt ist nun einmal so - ich muss mich verstellen, um Erfolg zu haben.

Momentan kommen viele Klienten zu mir, die vollkommen enttäuscht sind. Viele sind mit großen Idealen von moderner Führung, Transparenz und Mitbestimmung in ihre Jobs gestartet und wurden nach und nach enttäuscht. Obwohl diese Führungskräfte oft sehr erfolgreich sind, sind sie dennoch unzufrieden. Denn Ideale - sofern sie authentisch sind - legen wir nicht einfach so ab wie einen alten Mantel. Sie sind tief in uns und wollen gelebt werden.

Herr H. hat die Stelle als Geschäftsführer angenommen und ist heute ein zufriedener, moderner Gestalter dieses Unternehmens. Diese tolle Chance hätte er aber beinahe verpasst, wenn es ihm im Coaching nicht gelungen wäre, sein mittlerweile chronisches Misstrauen aufzudecken und zu lösen.

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