Wie Zahlen Manager in die Irre führen

4. August 2014
Wavebreak / Getty Images

2. Teil: Das Wesen der Zahlen

Sogar akkurate Messgrößen können in die falsche Richtung führen. Zahlen vereinfachen schon aufgrund ihre Konstruktion die Realität - und das häufig zu stark. In einer zahlenorientierten Welt zählt nur das, was sich messen lässt. Daher vernachlässigen datengetriebene Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit langfristige Ziele, die sie schwieriger quantifizieren können als kurzfristige Ergebnisse. Wer etwa Nachhaltigkeit mit quantitativen Methoden bewerten will, missachtet häufig ökologische und soziale Aspekte. Corporate-Social-Responsibility-Projekte entfalten daher oft keine Wirkung, weil ihre Initiatoren nur Ziele im Blick haben, die sie in Zahlen messen können - doch die Komplexität der sozialen Interaktionen sind damit nicht fassbar.

In den 1980er-Jahren trieb Indien beispielsweise die Intensivierung der Landwirtschaft voran. Der Staat ließ zudem gentechnisch veränderte Pflanzen zu. Die Idee war gut gemeint; immerhin sollten Bauern so mehr Nahrungsmittel produzieren können. Der Wandel führte jedoch dazu, dass sich Farmer verschuldeten, um die neuen Samen kaufen zu können. Als die Ernten dann schlechter als erwartet ausfielen, verloren viele ihre Existenz. Für ein Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebte, war das eine Katastrophe - und nicht zuletzt deshalb sind die Selbstmordraten unter indischen Bauern extrem angestiegen.

Intuition und Kreativität leiden ebenfalls, wenn Leistung nur an Zahlen gemessen wird. Das Ergebnis ist ein Tunnelblick, bei dem Mitarbeiter kaum Anreiz haben, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten. Sie konzentrieren sich stattdessen auf Tätigkeiten, für die in ihren Bewertungsbögen auch ein Platz vorgesehen ist. Damit schwindet jedoch die Innovationskraft. Wenn Bonus und Karriere nur auf klar messbaren Zahlen beruhen, macht sich keiner mehr die Mühe, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Ideen zu entwickeln. Thomas Johnson, BWL-Professor an der Portland State University, spricht in diesem Zusammenhang von einer "modernen Besessenheit in Unternehmen, gut aussehende Zahlen abzuliefern ... unabhängig davon, welchen Schaden das darunter liegende System an Beziehungen nimmt, auf dem jede menschliche Organisation beruht."

Interessanterweise sind heutzutage gerade die Branchen am innovativsten, die sich nicht an Durchschnittswerten orientieren, sondern eher auf die Ausreißer konzentrieren. Der "Long Tail" - ein Begriff, der Nischenbereiche beschreibt - ist in einer neuen Generation von Unternehmen zum Buzzword geworden. Sie interessieren sich weniger für die schrumpfende Gruppe der Durchschnittsverbraucher, sondern bauen innovative Geschäftsmodelle an den Randbereichen auf.

Eine der jüngeren Debatten dreht sich darum, Naturkapital bei den Aktivitäten von Unternehmen zu berücksichtigen. Das ist wichtig - vor allem angesichts der großen Umweltschäden, die unser Planet erleidet. Einfache Formeln jedoch, etwa um Zahlungsbereitschaft, Annäherungswerte für Marktindikatoren und Diskontraten (auf denen die meisten Methoden dieser neuen Ökonometriemaße beruhen) zu berechnen, könnten diese eigentlich wohlmeinenden Ansätze aufs falsche Gleis führen. Es ist töricht zu denken, dass wir die Prozesse der Natur bewerten können, indem wir uns aus einem Baukasten von Algorithmen bedienen, die wir zur Berechnung von Marktpreisen einsetzen.

Was gibt es zu tun?

Dass wir unsere Unternehmen und unsere Gesellschaft nach Zahlen führen, zeugt von unserer Unfähigkeit oder unserem Unwillen, Komplexität zu managen. Gleichzeitig benötigen wir Daten für unseren Fortschritt. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Ich denke schon. Die technologische Revolution kommt vielleicht gerade zur rechten Zeit. Daten bestehen nämlich nicht nur aus Zahlen und Messungen. Sie beinhalten auch Geschichten, Beziehungen, Meinungen und Wahrnehmungen. In der Vergangenheit waren wir nicht in der Lage, all das systematisch zu erfassen. Daher mussten wir uns auf einige wenige Zahlen verlassen, die uns Anhaltspunkte für unsere Entscheidungen lieferten. Heute jedoch könnten uns die neuen Technologien am Ende dabei helfen, das komplexe Netz an Informationssystemen zu verstehen. Das Potenzial einer datenzentrierten Wirtschaft, mit der wir Kreativität und Innovation befördern können, ist riesig. Wenn technologische Neuerungen Unternehmen dabei unterstützen können, ohne die bisherigen "Gatekeeper" - wie beispielsweise Ratingagenturen - auskommen zu müssen, können wir ein Wirtschaftssystem aufbauen, das Daten nutzt, um dem menschlichen Urteilsvermögen unter die Arme zu greifen, statt es zu behindern.

Die wichtigste Veränderung, der sich Unternehmen im 21. Jahrhundert stellen müssen, besteht möglicherweise darin, die Komplexität der weichen Zahlen zu durchblicken. Diese Daten sind zwar qualitativer Natur und weniger leicht fassbar, doch sie sind entscheidend, wenn es darum geht, die richtigen Schlüsse zu ziehen.


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Zum Autor
Lorenzo Fioramonti ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Pretoria in Südafrika und Leiter des dortigen Centre for the Study of Governance Innovation. Darüber hinaus ist er Associate Fellow an der United Nations University sowie Senior Fellow am Centrum für Soziale Investitionen der Universität Heidelberg und an der Hertie School of Governance.

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