"Mut ist nicht nur was für Junge"

Spezial Mut:

Von Stefan Tilk
28. Februar 2020
Getty Images

Mein Vater hat sich 30 Jahre lang in einem großen Chemiekonzern hochgearbeitet, bis in den Vorstand. Dafür musste er unglaublich viel ertragen. Als ich dann selbst in erste Führungspositionen kam, wollte ich immer mit dem Kopf durch die Wand, vielleicht um die Konfliktscheu meines Vaters überzukompensieren. So wie er wollte ich nicht werden.

Meine Einstellung war: Wenn ich merke, dass mein Vorgesetzter ein Idiot ist, sage ich dem das. Deswegen ist meine Karriere anfangs recht unruhig verlaufen. Richtig weitergekommen bin ich nicht. Ich galt als nicht kompatibel, renitent, auf Krawall gebürstet. Ich selbst hielt mein Verhalten für mutig, aber das war wohl eher Übermut. Das musste ich schmerzhaft lernen.

Mit 35 habe ich mich in jede verbale Klopperei geworfen. Damals habe ich Diplomatie gehasst, das war für mich ein Schimpfwort. Heute empfinde ich Diplomatie als eine Kunst: Menschen überzeugen, ohne die Revolution auszurufen und ohne alles zu zerschlagen.

Es ist wichtig, dass es in jedem Unternehmen mutige Menschen gibt. Ich selbst würde mich heute nicht mehr so aus dem Fenster hängen. Aber ich fördere und schütze solches Verhalten. Am liebsten würde ich den jungen Kollegen zurufen: Macht den Mund auf, meldet euch zu Wort. Greift ein, bevor es zu spät ist.

Als ich 2009 mein Buch "Courage! Mehr Mut im Management" geschrieben habe, war die wirtschaftliche Situation in Deutschland schwieriger als heute. Aber an Mut fehlt es dem Land immer noch. Schauen Sie sich doch die ganzen Dramen an, in der Automobilindustrie, bei den Stahlkonzernen, den Banken: Die sind viel zu lange durchs Fahrwasser der Selbstgefälligkeit gesegelt. Haben wir schon immer so gemacht, machen wir weiter so.

Dazu kommt, dass in großen Unternehmen oft eine Gruppendynamik entsteht, ein stark opportunistisches Verhalten. Dann sagt man dem Chef schon mal, "ja klar, das klingt gut", statt ihn damit zu konfrontieren, dass seine Idee Unsinn ist. Vor allem Mittelmanager haben sehr viel zu verlieren. Wenn sie Dinge zu oft infrage stellen, könnte sie das in die Position des Querulanten und Quenglers bringen. Nach außen heißt es in Unternehmen zwar immer: Wir können offen über alles reden. Aber im Grunde will das niemand ernsthaft, weil es anstrengend ist, mühselig, weil man sich mit vielen Leuten auseinandersetzen muss. Letztlich denken alle: "Warum soll ich jetzt den ersten Schritt machen und mich mit meinem Vorgesetzten anlegen? Soll doch ein anderer aufstehen." Und so ersticken mutige Gedanken, bevor sie ausgesprochen werden.

Ich selbst bin anders gestrickt. Ich habe mich nie als Bewahrer gesehen, sondern immer als Neuerfinder, Turnarounder, Restrukturierer. Da wo es im übertragenen Sinne brennt, stinkt und hässlich ist, da wollte ich sein. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich allzu oft gegen Windmühlen kämpfe. Viele Systeme sind einfach unglaublich schwer zu verändern. Dazu kam eine große Erschöpfung. Ständig gegen Widerstände anzurennen hat mich Kraft gekostet. So wuchs in mir der Entschluss, diese immer neuen Jobs als angestellter Manager aufzugeben und selbst etwas auf die Beine zu stellen.

Ende 2018 habe ich mit einem Partner die Master-Franchiserechte für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Anytime Fitness erworben. Das ist die größte Franchisefitnesskette der Welt. Womöglich war das die mutigste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Denn ich hätte nie gedacht, wie viel Verlustängste man auf einmal entwickelt, wenn man sich als Gründer finanziell völlig seinem Unternehmen ausliefert.

Mir und meiner Familie ging es immer gut, aber ich wache trotzdem jede Nacht schlaflos auf und frage mich: Wird es reichen im Alter? Heute verstehe ich, dass viele der Angestellten, die ich damals als feige empfand, ebenfalls diese Verlustängste hatten. Jeder von ihnen hat täglich abgewogen: Wie viel Mut kann ich mir leisten, um nicht alles in Gefahr zu bringen, was ich habe?

Natürlich wachsen für ein Start-up die Bäume nicht in den Himmel. Aber mein wagendes Vertrauen in die eigene Kraft - so definiere ich Mut für mich - wird mich schon durch diese aufregende Zeit führen. Ich traue mich jetzt einfach mal.

Alle Antworten unser Umfrage lesen Sie im Spezial Mut.

Spezial 2020

Mut


Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Stefan Tilk
    Vor zehn Jahren schrieb Stefan Tilk ein Buch über Mut im Management. Vor Kurzem hat er seinen sicheren Job als Geschäftsführer einer Fitnesskette aufgegeben und sich selbstständig gemacht. Mit 56 Jahren.
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