"Mut wurde verlernt"

Spezial Mut:

Von Patrick Herrmann
30. Januar 2020

Es gibt unglaublich viele Menschen, die über Mut sprechen, aber jeder hat seine eigene Definition. Ich habe mir viele Studien zu dem Thema angesehen, und die kommen zu dem Schluss, dass mutige Handlungen drei Kriterien erfüllen müssen: ein Risiko einzugehen, eine Angst zu überwinden und moralisch lohnend zu handeln. Nur wenn alle drei Punkte erfüllt sind, handelt es sich um eine mutige Handlung.

Ohne Risiko gibt es keinen Mut - aber die Frage ist: Was ist ein Risiko? Dafür braucht es eine Risikokompetenz, und wir Deutschen sind im Einschätzen von Risiken nicht besonders gut. Wir haben es einfach nicht gelernt. Wir können uns gut einreden, dass die Welt um uns herum immer gefährlicher wird. Aber wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass es sich oftmals gar nicht um ein Risiko handelt.

Wir bekommen heute über unzählige Medien sofort mit, wenn irgendwo auf der Welt ein Unglück passiert. Wir haben jederzeit Zugriff auf so viele Informationen, das wirkt auf unser limbisches System im Gehirn. Wir sehen ständig und überall Gefahren und haben den Umgang damit nicht gelernt.

Und dann ist es ja auch kein Wunder, dass wir immer Angst haben. Das ist der zweite Punkt. Wir werden ständig beschützt, Kinder dürfen nicht mehr auf Bäume klettern oder im tiefen Wasser schwimmen. Wir haben gar keine Chance, sicher zu werden.

Vor sechs Jahren hat die FH in Köln eine Studie durchgeführt. Die Forscher wollten wissen: Was kostet es Unternehmen eigentlich, wenn die Mitarbeiter mit Angst zur Arbeit gehen. Sie haben hochgerechnet, dass es 100 Milliarden Euro sind, die Unternehmen verlieren. Mit Angst arbeitet man nicht mehr konzentriert und effizient.

Im Unternehmenskontext ist das gerade für Führungskräfte ein Problem, die auch mal Entscheidungen treffen müssen, die nicht jedem passen. Mir persönlich fehlte dieser Mut als Führungskraft. Ich war jahrelang bei der Bundeswehr und habe irgendwann ein Seminar zum Thema gewaltfreie Kommunikation besucht. Ich fand das Konzept super und wollte es als Führungskraft in meinem Team einführen. Ich habe es schlussendlich aber nicht gemacht, weil ich befürchtete, dass es schlecht ankommen wird. Es hätte von Anfang an nicht funktioniert, und deshalb bin ich dem Thema einfach aus dem Weg gegangen.

Wenn ich heute als Speaker auf der Bühne stehe, dann denken die Leute: Der hat es geschafft, er verdient viel Geld und hat sogar ein Buch geschrieben. Die sehen aber nicht, dass ich 14 Jahre lang bei der Bundeswehr war, als Tätowierer gearbeitet, mich als Nageldesigner versucht habe und kläglich gescheitert bin. Mit 32 Jahren und zwei Kindern habe ich noch mal neu angefangen, mein Fachabitur nachgeholt und studiert.

Als ich Trainer wurde, habe ich mich gefragt, was für mich persönlich eigentlich mutig wäre. Zu dem Zeitpunkt hatte ich vier Jahre lang keinen Kontakt zu meinem Großvater. Es war eine große Überwindung meiner Ängste und ein vermeintliches Risiko, ihn zu kontaktieren. Er war stark dement, hat mich nicht mehr erkannt, und ich konnte damit einfach nicht umgehen. Statt mich meinen Gefühlen zu stellen, hatte ich den Kontakt abgebrochen. Irgendwann kam der Tag, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich mich noch verabschieden möchte, bevor es zu spät ist. Und auch das habe ich mich kaum getraut. Heute bin ich sehr froh darüber, dass ich es gemacht habe. Ich würde mich heute immer noch ärgern, wenn ich den Mut nicht gehabt hätte.

In Seminaren höre ich immer wieder: Wenn meine Mitarbeiter mutiger werden, dann tanzen sie mir auf der Nase herum oder kündigen. Das stimmt nicht. So etwas passiert nur, wenn ich ein schlechter Chef und nicht wertschätzend bin. Dann darf ich mich nicht wundern, dass Mitarbeiter mit mehr Mut oder Selbstbewusstsein erkennen, dass sie besser kündigen sollten. Das ist aber ein Problem meines Führungsstils und nicht ein Problem der Mitarbeiter.

Mutige Mitarbeiter treffen bessere Entscheidungen und trauen sich, Probleme anzusprechen, wenn sie sie sehen. Das ist Voraussetzung für eine Fehlerkultur im Unternehmen.

In meinen Coachings lasse ich die Teilnehmer ihre eigene Mutliste schreiben. Sie sollen 20 Punkte aufschreiben, vor denen sie Angst haben und die ein Risiko für sie darstellen. Die 20 Dinge sollen sie in drei Spalten aufteilen. Erstens: Das traue ich mich nie. Zweitens: Das mache ich vielleicht, wenn noch jemand dabei ist oder mir jemand hilft. Drittens: Das bekomme ich hin. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen nach vier oder fünf Eintragungen merken, dass es gar keine Mutproben sind, die sie anfänglich aufgeschrieben hatten, sondern dass sie das eigentlich gut schaffen können. Sie stellen fest: Eigentlich braucht es dafür gar keinen Mut.

Der dritte Aspekt, dass Mut moralisch lohnend ist, ist sehr philosophisch. Ein Einbrecher geht ein Risiko ein und hat bestimmt auch Angst, geschnappt zu werden. Ist seine Tat deshalb aber mutig? Sie würden nie am nächsten Tag in der Zeitung lesen: Ein mutiger Einbrecher ist gestern Abend in eine Wohnung eingestiegen. Wir legen gesellschaftlich fest, was Mut ist.

Mutig sein fühlt sich im Moment der Handlung überhaupt nicht gut an. Sich seiner Angst zu stellen fühlt sich nicht gut an. Mutig gewesen zu sein fühlt sich dagegen richtig cool an. Wird der Begriff inflationär benutzt, wird er den richtig mutigen Menschen, wie zum Beispiel der Kapitänin Carola Rackete, nicht mehr gerecht. Für mich ist das die höchste Form von Mut, wenn ich mutig für andere bin. Es sind solche Menschen, die einmal in die Geschichtsbücher eingehen werden. Das sind die Rosa Parks, die sich im Bus nach hinten setzen, obwohl die Plätze Weißen vorbehalten waren. Sie waren für andere mutig - und dann wird Mut zu Heldentum.

Alle Antworten der Umfrage lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

Mut


Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Patrick Herrmann
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    Patrick Herrmann gibt Seminare und Vorträge zum Thema Mut. Er arbeitet zudem als Führungskräftecoach.
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