Management mit Mitgefühl setzt sich (endlich) durch

Führung:

Von Bronwyn Fryer
11. Oktober 2013

Management-Trend: Zynismus war gestern
Corbis

Management-Trend: Zynismus war gestern

Eine zunehmende Zahl von Business-Konferenzen in den USA beschäftigt sich mit dem Thema Mitgefühl im Job. Da wäre zum Beispiel die "International Working Group in Compassionate Organisations". Oder die "Changing Culture in the Workplace Conference". Oder "Wisdom 2.0", die laut Veranstalter das Ziel hat, das "Leben mit mehr Bewusstheit, Einsicht und Mitgefühl in der modernen Zeit zu erkunden". Die Referenten bei diesen Veranstaltungen sind keineswegs Leichtgewichte: Zu den größten Namen zählen der eBay-Gründer Pierre Omidyar, Bill Ford (Vorsitzender der Ford Motor Company) , Karen May (Vice President für Personal bei Google) und der LinkedIn-CEO Jeff Weiner. Bei der Tech-Konferenz TED forderte Karen Armstrong schon im Jahr 2009 eine Wiederbelebung der so genannten Goldenen Regel - "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest" - und gewann damit einen Preis. Daraus entstand wenig später die "Charta des Mitgefühls", die seitdem von fast 100.000 Menschen unterschrieben wurde.

Ein weiterer Beleg für den Trend ist die Bewegung"Conscious Capitalism", zu deren Mitgliedern Unternehmen wie Southwest Airlines, Google, The Container Store, Whole Foods Market oder Nordstrom gehören. Einer der Eckpfeiler dieser Bewegung besteht darin, nicht nur die Interessen der eigenen Aktionäre zu verfolgen, sondern die aller Stakeholder, also auch von Mitarbeitern, Kunden und anderen Gruppen. Zu den Mitgliedern gehört auch das indische Konglomerat Tata, das sehr klar macht, worum es ihm dabei geht: "Unser Unternehmenszweck ist es, die Lebensqualität der von uns versorgten Gemeinschaften zu verbessern" , wie es in einer Präsentation des Unternehmens heißt.

Wissenschaftler wie Peter Senge, Fred Kofman oder Jane Dutton betonen schon seit langem die Bedeutung von Mitgefühl als grundlegendem Konzept von gutem Management. Vertreter der traditionellen, kritischen und effizienzfixierten Garde aber machten sich darüber nur lustig. Das ist keine Überraschung: Noch stehen an der Spitze von Organisationen viele eher unangenehme Manager. Deshalb darf man wohl davon ausgehen, dass mitfühlender agierende Führungskräfte keinen Job finden oder zumindest nicht mit Unterstützung oder gar Beförderungen rechnen können. Tatsächlich hat eine Studie der University of Notre Dame gezeigt, dass nette Leute Nachteile hinnehmen müssen: Sympathische Menschen verdienen weniger als Kollegen, die kein Problem damit haben, nicht gemocht zu werden. Und nur allzu oft fehlt es mitfühlenden Personen an der Fähigkeit, sich abzugrenzen, so dass sie sich gebrauchen und missbrauchen lassen. Sie werden zu "Giftmüll-Beauftragten", die unangenehme Aufgaben für das Wohl der Organisation übernehmen, selbst aber kaum davon profitieren.

Allmählich aber scheint sich der Zeitgeist im Management zu ändern. Bei der Wisdom 2.0 sagte LinkedIn-CEO Weiner, er sei auf einer persönlichen Mission, "das kollektive Wissen und Mitgefühl der Welt zu vergrößern". Mitfühlendes Management habe er zu einem Grundwert seines Unternehmens gemacht. Als Beispiel beschrieb er einen früheren Kollegen, der ein Mitglied seines Teams in aller Öffentlichkeit heruntermachte. Weiner fiel auf, dass er selbst diesen Fehler auch schon gemacht hatte. Er nahm den Kollegen zur Seite und sagte: "Wenn du das unbedingt tun willst, such dir einen Spiegel und mach es zuerst mit dir selbst. Du projizierst deinen Blickwinkel und deine Annahmen auf diese Person".

Mitgefühl bei der Arbeit, so Weiner weiter, ist den meisten Manager zunächst einmal fremd. Es koste eben Zeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen - zu verstehen, welchen Ballast sie bei der Arbeit mit sich herumschleppen, was sie unter Druck setzt und was ihre Stärken und Schwächen sind. In sehr leistungsorientierten Umgebungen sind solche zeitlichen Investitionen für die meisten von uns abschreckend.

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