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Von Antonia Götsch
12. Mai 2020
Getty Images

Liebe Leserin, lieber Leser,

je größer der Stress, desto eher neigen wir dazu, anderen schlechte Absichten zu unterstellen - und Konflikte dadurch zu befeuern. Ganz ehrlich, haben Sie schon einmal gedacht, dass Mitarbeiter Rechtschreibfehler machen, weil sie dumm oder denkfaul sind? Kam Ihnen der wütende Gedanke, dass ein Mensch jedes Detail im Meeting stundenlang diskutieren will, weil er ein Pedant ist? Oder dass Kollegen Ihre Vorschläge nicht umsetzen, weil sie Ihnen eins reinwürgen möchten?

Krisen sind der Stresstest für gute Führung. Empathisch zuhören, ausführlich erklären, sich Zeit nehmen für jeden Mitarbeiter und einen offenen Dialog, all das ist schwer genug, wenn wir entspannt sind. Stehen wir selbst unter Druck, gießen wir Öl ins Feuer, statt zuzuhören. Das Problem beginnt damit, wie unser Gehirn funktioniert.

Der Psychologe Daniel Kahneman hat das eindrücklich beschrieben. Auf der einen Seite steht das langsame, rationale Denken, das wir seltener nutzen als die meisten Menschen glauben. Viel häufiger entscheiden wir schnell und intuitiv - wir nutzen unser Steinzeithirn. Über Jahrtausende war es hilfreich, blitzschnell zu bewerten und danach zu handeln: Freund oder Fressfeind, gut oder schlecht für mich.

Wir beobachten eine Handlung und bewerten diese innerhalb von Sekunden. Ebenso schnell löst unsere Bewertung eine Emotion aus - wir fühlen uns angegriffen, bedroht, verärgert oder ängstlich. Wir schlagen zurück oder ergreifen die Flucht. Wir sind im Steinzeitmodus unterwegs. Und in diesem Modus wird aus der Frage: "Wer leert häufiger den Papierkorb?" ein Glaubenskrieg. Wir echauffieren uns über unpünktliche Kollegen und faule Mitarbeiter.

Häufig liegen wir mit unseren Interpretationen falsch. Vielleicht fragt ein Kollege im Meeting so viele Details ab, weil er Mitarbeiter hat, die es immer ganz genau wissen wollen und ihn regelrecht grillen. Fühlt sich diese Erklärung nicht sofort ganz anders an als die Bewertung: "Der ist ein Pedant." oder: "Der ist schlecht vorbereitet und nervt deshalb alle mit seinen Detailfragen."?

Mein Tipp: Hinterfragen Sie Ihre eigenen Bewertungen und Interpretationen. Es gibt einen neuralgischen Punkt, wo wir aus unserem Steinzeitmuster aussteigen können. Er liegt zwischen Beobachtung und Bewertung. Trennen Sie bewusst diese zwei Wahrnehmungs-Vorgänge: Was haben Sie wirklich gesehen und wie hat es Ihr Gegenüber gemeint?

Nutzen Sie offene Fragen, um herauszufinden, was Ihre Kollegen oder Mitarbeiter wirklich bewegt hat, zum Beispiel:

- Was überzeugt dich an meinem Vorschlag nicht?
- Was hat dich davon abgehalten, meinen Vorschlag umzusetzen?
- Wann machst du Rechtschreibfehler?
- Wie kommt es, dass du so starken Fokus auf die Details legst?

Meine Erfahrung: Wenn ich wutschnaubend am Schreibtisch sitze, lohnt es sich in der Regel immer nachzuhaken. Dann sind nämlich fast immer negative Interpretationen im Spiel, die sich durch eine Nachfrage auflösen.

Herzliche Grüße, Antonia Götsch

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Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte von HBM-Chefredakteurin Antonia Götsch.
Ausgabe 5/2020


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