Drei Tipps für klares Denken

Selbstmanagement:

Von John Dame und Jeffrey Gedmin
31. Oktober 2013

Ernst Cramer, der inzwischen verstorbene Chefredakteur der Tageszeitung DIE WELT, erzählte einmal, wie er kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als Student in den USA in einem Mathekurs auf einen Fehler im Buch aufmerksam machte. Der Dozent wies das umgehend und ziemlich barsch zurück. Ein paar Monate später, als Cramer während der Sommerferien auf einer Farm arbeitete, sah er eines Tages seinen Professor von einem geparkten Auto aus quer über das Feld auf sich zurennen. "Cramer", rief dieser lauthals mit Reue in der Stimme: "Sie hatten Recht - das war wirklich ein Fehler im Buch, und der Verlag hat das korrigiert!"

Profi-Musikerin: Konzentration auf die eigenen Schwächen
Corbis

Profi-Musikerin: Konzentration auf die eigenen Schwächen

Cramer erzählte diese Anekdote über seine frühen Erfahrungen in Amerika. Die Charakterstärke des Professors beeindruckt uns. Aber wir erzählen die Geschichte vor allem deshalb, weil die ursprüngliche Reaktion des Professors ein gutes Beispiel für zwei Fehler ist, die auch Managern häufig unterlaufen. Der erste Fehler ist die kritiklose Autoritätshörigkeit (auch gegenüber den eigenen Vorgesetzten), sowie der unerschütterliche Glaube an etablierte Regeln. Der zweite Fehler ist die Angewohnheit, scheinbar respektlose Behauptungen umgehend zurückzuweisen.

Wir alle haben solche blinden Flecken. Diese Schwächen sollten wir bekämpfen. Aber allein schon die Vorstellung klingt beinahe altmodisch. Schließlich heißt es heute oft, dass wir an unseren Stärken arbeiten sollten.

Zumindest in der Welt der professionellen Musik ist oft das Gegenteil der Fall. So lassen die meisten Dirigenten das Orchester gleich zu Beginn der Probe die schwierigsten Partien des Stückes spielen und widmen ihnen auch die meiste Zeit, weil genau dort die größten Schwächen lauern.

Aber wie können Manager etwas gegen ihre eigenen Schwächen tun, die ihnen ja häufig kaum bewusst sind? Wir stellen hier einige selbst erprobte Techniken vor, um drei berüchtigte kognitive Verzerrungen möglichst zu vermeiden.

1. Spielen Sie den Advocatus diaboli, um "Bestätigungsfehler" zu vermeiden

Mit so genannten Bestätigungsfehlern ist unsere Tendenz gemeint, alle neuen Informationen so zu interpretieren, dass sie zu unseren bisherigen Annahmen hinsichtlich einer Situation oder eines Problems passen. Wenn Sie glauben, Franzosen seien grundsätzlich unhöflich, dann werden Sie auf Ihrer Reise nach Paris mit Sicherheit entsprechende Beispiele finden, die Ihre These bestätigen. Gegensätzliche Erfahrungen - ein freundlicher Kellner, ein umsichtiger Gepäckträger - werden Sie unbewußt beiseite wischen. Sie sind in unseren Augen Ausnahmen, die unsere ursprünglichen Meinungen nicht beeinflussen.

Die Investor-Legende Warren Buffett sagt: "Der Mensch hat die besondere Gabe, jede neue Information so zu interpretieren, dass seine bestehenden Ansichten aufrecht erhalten werden." Er weiß, dass auch er selbst davon betroffen ist.

Anwälte, Redner und Politiker setzen den Bestätigungsfehler gezielt ein, wenn sie für eine Sache argumentieren und dabei ganz bestimmte Fakten auswählen, während sie andere unter den Tisch fallen lassen oder für belanglos erklären. Im Geschäftsleben aber können Bestätigungsfehler verheerend sein. Nämlich dann, wenn sie Entscheidungsträger dazu verleiten, voreilige Schlüsse oder Analogien zu ziehen und Fakten zu ignorieren, die gegen eine mögliche Handlungsoption sprechen.

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