"Mut bringt Themen voran"

Spezial Mut:

Von Jutta Allmendinger
6. Februar 2020
imago/Sabine Gudath

Bei meiner Rolle als Sozialwissenschaftlerin ist zunächst Durchhaltevermögen viel wichtiger als Mut. Themen wie Bildungsarmut oder die Gleichstellung der Geschlechter sind dicke Bretter: Seit Jahren stelle ich die immer gleichen Forderungen. Auch wenn ich dadurch Gefahr laufe, als redundant zu gelten. Das passt mir nicht, muss aber sein.

Zur Bildungsarmut etwa habe ich, seit ich den Begriff in den 90er Jahren eingeführt habe, um die tausend Vorträge gehalten. Manchmal bekomme ich den Eindruck, ich mache mich lächerlich, weil ich dauernd dasselbe sage. Zum Beispiel, dass Bildung die Währung der Zukunft ist, weit über ihre Bedeutung für den Arbeitsmarkt hinaus.

Aber ich sehe es als meinen Auftrag, Thesen und Erkenntnisse in die öffentliche Diskussion zu tragen, gerade in meiner Position als Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Durch diese Position stehe ich gewissermaßen mit einem Bein in der Wissenschaft, mit dem anderen in der Vermittlung der Erkenntnisse in die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, die Politik. Das bisschen Mut, den es braucht, um wichtige Themen immer wieder vorzubringen, gegen Ignoranz und Beharrungswillen, habe ich sicherlich.

Während meiner Zeit an der Harvard University in den 80er und 90er Jahren habe ich viel über die Doppelrolle von Wissenschaftlern gelernt. In den USA ist es selbstverständlich, dass Professorinnen und Professoren nicht nur exzellente Forschung betreiben; sie greifen auch Themen auf, die dem Mann und der Frau auf der Straße wichtig sind.

Ebenso selbstverständlich ist es, dass sie Bücher schreiben, die durch ein aufwendiges Lektorat in eine gut verständliche Form gebracht werden und so oftmals sogar eine wirklich spannende Lektüre bieten. Diese Nähe zur Öffentlichkeit zählt in Amerika auch zum Erfolg eines Wissenschaftlers. Und in Großbritannien wird man auf eine Professur sogar nur berufen, wenn man die öffentliche Wirksamkeit der eigenen Forschungsergebnisse nachweisen kann.

Als ich mich entschieden habe, hier in Kontinentaleuropa mit ähnlichen Zielen und Methoden zu arbeiten, brauchte ich in meinen Augen weniger persönlichen Mut als eher den Mut zur Nachahmung dessen, was ich jenseits des Atlantiks beobachtet hatte. Stehvermögen und Rückgrat musste ich allerdings dann während meiner Zeit als Direktorin des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in den Nullerjahren zeigen. Dort haben wir neue arbeitsmarktpolitische Instrumente ausgearbeitet, die nicht immer den Vorstellungen der Bundesagentur für Arbeit oder des Bundesarbeitsministeriums entsprachen.

Diese Diskrepanzen zwischen Wissenschaft und Politik, wenn Sie so wollen: zwischen Theorie und Praxis, können einen leicht ins Wanken bringen. Was mir meine Unabhängigkeit in solchen Situationen sicherlich erleichterte, war der Umstand, dass ich bei Bedarf jederzeit auf meine verbeamtete Professur an der Universität München hätte zurückkehren können. Solche Rückfallpositionen gab es zum Glück fast während meiner gesamten beruflichen Laufbahn. Insofern hatte ich nie wirklich existenzielle Sorgen über mein berufliches Fortkommen.

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