"Mut bringt Themen voran"

6. Februar 2020
imago/Sabine Gudath

2. Teil: "Ich hatte keine Angst"

Auch jetzt, als Präsidentin des WZB, hatte ich keine Angst, als uns die AfD im Frühjahr 2019 die Veröffentlichung von Teilen eines unserer Discussion Papers über die parlamentarische Arbeit der Partei gerichtlich verbieten lassen wollte und wir die Studie bis ins kleinste Detail replizieren mussten. Ich wusste, dass die Autoren unsere wissenschaftlichen Prinzipien eingehalten, Methoden richtig angewendet und nachvollziehbare Ergebnisse erarbeitet hatten. Diese besondere Form der Prinzipienreiterei schützt mich vor Angriffen.

Insgesamt brauche ich also relativ wenig Mut für meine Arbeit, die mir, offen gesagt, sehr viel Freude bereitet. Als Leiterin einer wissenschaftlichen Einrichtung genieße ich große Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit. Ich habe zum Glück weiterhin genug originelle Ideen, um meine Forschung voranzubringen, und kann auf viel Unterstützung zurückgreifen, etwa bei der aufwendigen Sammlung und Auswertung großer Datensätze.

So fällt der Blick auf meine Arbeit positiv aus. Wir haben viel erreicht, auch wenn die praktische Umsetzung mancher Vorschläge offensichtlich sehr lange braucht. Mit dem Modell einer 32-Stunden-Woche habe ich zum Beispiel einen wegweisenden Vorschlag zur Umverteilung der Arbeit vorgelegt, weg von der bisherigen Vorstellung von Vollzeitbeschäftigung. Unser Befund, dass weibliche Lebensverläufe eben nicht den männlichen angeglichen werden sollten, da dies für die Frauen nicht zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie beiträgt, haben ihren Weg in die politische Diskussion gefunden; auch wenn hier manches zugegebenermaßen schon wieder eingeschlafen ist.

Den Mut wird mein Institut, werde ich nicht verlieren. Als einen nächsten wichtigen Schritt fordern wir einen obligatorischen Digitalisierungs-Check vor allem für jene Beschäftigten ein, deren Berufe durch künstliche Intelligenz bedroht werden.

Jede und jeder Betroffene sollte die Frage beantworten können: "Wie lange ist die Überlebenszeit meines Jobs?" Ziel wäre eine präventive Arbeitsmarktpolitik nach dem Modell der effektiv beworbenen Krebsfrüherkennung - mit ähnlich positiven Auswirkungen auf den Einzelnen und somit letztendlich die gesamte Gesellschaft.

Ich wünsche mir allerdings, dass die Wissenschaft künftig weniger reaktiv auftritt, als sie es heute oft noch tut. Sie sollte Themen selbst aktiv vorantreiben. Wir sollten zum Beispiel nicht immer nur brav Fragen, die uns die Politik stellt, beantworten, sondern den Spieß umdrehen und künftig auch selbst "kleine Anfragen" an die Politik stellen. Ein Thema dafür wäre beispielsweise die soziale Segregation an Schulen, wo immer weniger Schülerinnen und Schüler gemeinsam über soziale Schichten und Herkunft hinweg unterrichtet werden. Oder die Obdachlosigkeit von Erwerbstätigen.

Das erfordert bestimmt manchmal Mut, bringt uns alle aber weiter.

Alle Antworten unserer Umfrage lesen Sie in unserem Spezial Mut.

Spezial 2020

Mut


Ein Heft über die wichtigste Eigenschaft von Führungskräften


Jutta Allmendinger
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    Jutta Allmendinger ist eine mehrfach ausgezeichnete deutsche Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie forscht vor allem zu den Themen Bildung und Arbeitsmarkt.
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