Macht Studenten zu Gründern

Debatte:

Von Johann Füller
1. August 2014
Getty Images

Startup-Unternehmen sind eine wichtige Innovationsquelle, erschließen Zukunftsmärkte und neue Geschäftsmodelle. Sie sind essenziell für Wachstum und Beschäftigung. Leider stottert der Gründungsmotor hierzulande. International liegt Deutschland nur auf Platz 15 von 20 untersuchten Ländern der OECD.

In Ländern wie den USA und Australien ist der Anteil der Gründer in der Bevölkerung doppelt so hoch; auch in Norwegen und Finnland machten sich in den vergangen Jahren deutlich mehr Menschen selbständig als in Deutschland. (Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Universität Hannover)

Dieser Rückstand ist kein Zufall. Es mangelt nicht nur am entsprechenden Risikokapital, die Universitäten versäumen es vor allem, junge Menschen auf eine eventuelle Gründerrolle vorzubereiten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern spielt das Unternehmertum in Deutschlands gesamtem Bildungssystem eine geringe bis gar keine Rolle.

Das ist ein fataler Fehler. Jeder Student sollte im Rahmen seines Studiums mindestens ein Unternehmen gründen und sich so das Rüstzeug und die Denkweise eines Unternehmers aneignen. Denn Schulen und Universitäten sind wie geschaffen dafür, das Handwerkszeug des Gründers zu vermitteln: Sie bieten eine risikofreie und experimentierfreudige Umgebung für die ersten unternehmerischen Schritte. Sie wären Gründerlabor statt Lehrraum.

Welchen enormen Einfluss Universitäten auf Unternehmer- und Gründungsaktivitäten haben können, zeigt die Stanford Universität in Kalifornien. Sie zählt zu Amerikas Eliteuniversitäten und gilt als Erfolgsschlüssel für die sagenhafte Entwicklung des Silicon Valley. Seit 1930 haben Stanford-Studenten 40.000 Unternehmen gegründet, 5,4 Millionen neue Jobs geschaffen, die einen jährlichen Umsatz von 2,7 Billiarden Dollar erwirtschaften.

Als weitere Entrepreneurship-Hochburgen gelten die Harvard Business School (HBS), das Massachusetts Institute of Technology MIT, die Universität von Kalifornien, Berkeley, sowie die New York University (NYU) und die University of Pennsylvania (UPenn). Insgesamt haben Studenten dieser sechs Universitäten im Zeitraum von 2007 bis 2013 mehr als 10,6 Milliarden Dollar Risikokapital für ihre Unternehmungen eingesammelt. Das entspricht laut der Wirtschaftsdatenbank cbinsights.com etwa 0,034 Prozent des Bruttosozialprodukts der USA und übertrifft das gesamte Investitionsvolumen Deutschlands in Startups (0,021 Prozent des Bruttosozialprodukts Deutschlands) deutlich.

Doch warum wählen talentierte Hochschulabsolventen eher den vermeintlich risikoarmen Weg und wähnen sich im Hafen der Festanstellung sicherer als im selbst gegründeten Unternehmen? Selbst BWL-Studenten arbeiten nach dem Abschluss lieber als Angestellte, statt ihr eigener Chef zu werden.

Eine der Hauptursachen ist ihr Selbstverständnis. Mit wenigen Ausnahmen verstehen sich die deutschen Universitäten immer noch als Ausbildungs- und Forschungsstätte, nicht aber als Unternehmensschmiede. Dabei verfügen sie über die besten Voraussetzungen für Startups: Wissen und talentierten Nachwuchs. Zudem fehlen Vorbilder, also Professoren und Assistenten, die bereits selbst Unternehmen gegründet haben.

Dazu kommen die bisher oft strikte Trennung von Wissenschaft und Wirtschaft, komplizierte Regelungen zum geistigen Eigentum, die Tradition der Auftragsforschung sowie die gute Arbeit von Forschungstransferzentren wie der Fraunhofer-Gesellschaft - die für einen steten Nachschub an Innovationen sorgen. Doch Forschen im Auftrag der Industrie reicht nicht aus, um mit den radikalen Veränderungen des digitalen Zeitalters und der Innovationsgeschwindigkeit von Google und Co. Schritt zu halten.

Seite
1
2
Artikel
© Harvard Business Manager 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben