Seien Sie berechenbar

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Von Antonia Götsch
5. Mai 2020
Getty Images

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Vorgesetzten ist nicht bewusst, wie sehr sie beobachtet werden. Auch ich vergesse das immer wieder, schließlich fühle ich mich in erster Linie als Antonia. Doch in meiner Rolle als Chefredakteurin lebe ich eben auch Standards vor und signalisiere Erwartungen.

Neulich probierte ich einen Tipp aus, den mir eine Kollegin geschickt hatte. Ich kam etwas früher ins digitale Meeting, um die Zeit für etwas Smalltalk zu nutzen (so der Tipp). Leider zeigt unser Chat-Programm allen an, wenn jemand eine Videokonferenz eröffnet. Sofort stolperten alle Kollegen ins Meeting. Ich hatte den Eindruck, als Chefin hatte ich durch mein zu frühes Erscheinen einen Startschuss ausgelöst, der meine Kollegen unnötig gehetzt und unter Druck gesetzt hatte.

Dutzende Studien belegten: Auch in Zeiten von agilen Teams und Führung auf Augenhöhe richtet sich die Aufmerksamkeit in Organisationen meist von unten nach oben: Ein Assistent weiß mehr über seinen Vorgesetzten als er über ihn. Ein Student kann mehr über seine Professorin berichten als umgekehrt.

Diese Tendenz verschärft sich in Krisenzeiten: Je unsicherer die Situation und je größer die gefühlte Bedrohung, desto genauer werden Mitarbeiter ihre Führungskraft beobachten. Wenn der Chef etwas tut, was sich nicht eindeutig interpretieren lässt, deuten Mitarbeiter dies in 90 Prozent aller Fälle als Zeichen dafür, dass ihnen Schlechtes bevorsteht. Und wenn sie es nicht verstehen, versuchen sie mehr Informationen zu bekommen, sie recherchieren im Internet, fragen Kollegen in anderen Abteilungen und verlieren so ihre eigentlichen Aufgaben aus dem Blick. Der perfekte Nährboden für Gerüchte.

Deswegen: Seien Sie klar. Sagen Sie, was Sie wissen und was nicht. Seien Sie sich Ihrer Rolle bewusst. Robert Sutton, Professor an der Business School der Universität Stanford und einer der führenden Organisationspsychologen, zählt Berechenbarkeit zu einem Schlüsselfaktor in der Krisenkommunikation: "Wenn Sie Ihre Mitarbeiter möglichst genau darüber informieren, was passieren wird, wann es passieren wird und was dabei auf sie persönlich, auf ihr Team und auf das gesamte Unternehmen zukommt, können sie sich so gut wie möglich darauf vorbereiten und werden weniger darunter leiden".

Vier weitere Tipps, wie Führung in schweren Zeiten gelingt - und welche Fehler Sie jetzt unbedingt vermeiden sollten, lesen Sie im Artikel meiner Kollegin Julia Wehmeier.

Herzliche Grüße, Antonia Götsch

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Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte von HBM-Chefredakteurin Antonia Götsch.
Ausgabe 5/2020


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